Sonntag, 1. August 2010

Gibt es so etwas wie eine "progressive Offenbarung"?

Die Baha'i sind eine der jüngsten Weltreligionen. Und wie die Abrahamitischen Religionen sind auch sie monotheistisch. Sie glauben an den einen Gott und die Einheit der Religionen. Aber die Bibel ist nicht die alleinige Quelle göttlicher Offenbarung. Und Jesus ist nicht alleine massgebend. Zentral für ihr Religionsverständnis ist vielmehr das Konzept der "progressiven Offenbarung". Gott hat durch verschiedene Propheten zu den Menschen gesprochen. Neben Abraham und Moses, auch durch Mohammed, Krishna, Buddha und Zarathustra. Entsprechend rezitieren die Baha'i aus allen grossen Offenbarungsbüchern der grossen Weltreligionen. Die zur Zeit letzte göttliche Offenbarung fand im 19. Jahrhundert statt, als sich Gott dem Gründer der Baha'i - dem Baha'u'llah - offenbarte. Und auch für die Zukunft erwarten die Baha'i weitere Offenbarungen Gottes.
Worin wir mit den Baha'i übereinstimmen, ist die besondere Rolle, die Zarathustra in der Religionsgeschichte spielt. Wir glauben zwar nicht an direkte göttliche Offenbarungen Gottes an einen Propheten. So etwas ist zu sehr im Widerspruch mit dem wissenschaftlichen Weltbild. Aber die Religion, die Zarathustra um ca. 1700 bis 1000 v.u.Z. in Persien gestiftet hat, ist trotzdem von grosser Bedeutung. Im Zoroastrismus kommen zum ersten Mal alle wichtigen Elemente einer entwickelten monotheistischen Religion zusammen: Gott vs. Teufel, Paradies und Hölle und Auferstehung von den Toten und jüngstes Gericht. So hat der alt-persische Zoroastrismus als Ur-Monotheismus das spätere Judentum, Christentum und den Islam geprägt. Nietzsche muss dies wohl bewusst gewesen sein, als er sein Buch "Also sprach Zarathustra" geschrieben hat. Aber indem er seinen Zarathustra den Tod Gottes, den Willen zur Macht und den Übermenschen predigen lässt, verkehrt er grundsätzlich die göttliche Botschaft. Der Zoroastrismus ist vielmehr eine ausgesprochen ethische Religion. Wichtig sind richtiges und gutes Denken, richtiges Reden und gutes Handeln. Dabei wird mehr Gottes Güte betont, als seine Allmacht. Eine ähnliche Akzentverschiebung hat auch im Christentum stattgefunden. Während z.B. Gott im Alten Testament noch die Menschheit in der Sintflut ertränkt hat, opfert er sich/seinen Sohn im Neuen Testament am Kreuz für die Menschheit. Es wird hier deutlich, wie es zu einer Charakterentwicklung im Gottesbild kommt. Protestanten habe in diesem Zusammenhang von "progressiver Offenbarung" gesprochen.
Wir sind in diesem Zusammenhang mit "progressiv" einverstanden. Aber das theologische Konzept der "progressiven Offenbarung" muss mehr von einem philosophischen Standpunkt her gesehen werden. Mit Hegel meinen wir einen göttlichen Prozess zu erkennen, in dem "der Weltgeist sich seiner selbst bewusst wird". Heutzutage ist dies die Position einer Evolutionären Spiritualität. Es geht um ein göttliches Potential, das sich in dieser Welt realisiert. Es ist der Fortschritt und die Entwicklung der Zivilisationen, welche als göttliche Spur interpretiert werden.
Aber wir habe keine Gewissheit, dass es sich bei der Evolution um eine göttlich inspirierte Entwicklung handelt. Vielmehr könnte der Evolutionsprozess auch nur das Ergebnis zufälliger Faktoren sein. Vielleicht haben die pessimistischen Existenzialisten ja recht und wir sind allein auf dieser Welt. Und es gibt keinen Gott und keinen Sinn, ausser dem, den wir selbst individuell und kollektiv stiften.

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Auch wenn wir mit Nietzsches Zarathustra Interpretation ganz und gar nicht einverstanden sind, so wollen wir doch die von ihm inspirierte Musik erwähnen. Die Eröffnung von Richard Strauss "Also sprach Zarathustra" ist einfach eine musikalische Meisterleistung.

Freitag, 18. Juni 2010

Sommerpause

... bis ca. Ende Juli. Werde die General Assembly der amerikanischen Unitarian Universalists besuchen und die schöne Natur Kanadas auf mich wirken lassen. Vielleicht wird so mein Sinn fürs Pantheistische besser entwickelt. Für die Zwischenzeit kann ich die Website von Prof. M. Hampe - "socrethics" -empfehlen.

Es gibt keine Antworten, nur Alternativen. Solaris

Samstag, 12. Juni 2010

Anatomie der menschlichen Destruktivität III

Merkmale einer antisozialen Persönlichkeit

- Kontaktstörungen: Als Folge affektiver, emotionaler Verwahrlosung während der Kindheit leiden Menschen mit einer anti-sozialen Persönlichkeitsstörung unter Kontaktstörungen. Sie haben lernen müssen, dass man niemandem trauen kann. Sie wurden in ihrer Kindheit so oft von anderen enttäuscht, dass sie jede Zuversicht aufgegeben haben. Ein Misstrauen in die Menschheit wurde grundlegend. In diesem Zusammenhang muss entsprechend festgestellt werden, dass Psychopathie (Erkrankung der Psyche) mit Soziopathie (Störung des sozialen Verhaltens) miteinander einhergehen können. Wobei ein Mangel an sozialen Kontakten auch weiterhin die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls verhindert.
- antisoziale Einstellung: Der Psychopath ist aufgrund der fehlenden Liebe und emotionalen Verbundenheit zum antisozialen Menschen geworden. Da er im Leben zu kurz gekommen ist und emotional nicht ausgeglichen ist, können sich Hass- und Rachegefühle entwickeln. Diese negativen Gefühle richten sich oft gegen das „Establishment“, denn dem hat er nie angehört und nie davon profitiert.
- geringes Einfühlungsvermögen: Wegen ihrer defizitären sozialen Entwicklung verfügen Psychopathen häufig nur über ein geringes Einfühlungsvermögen. Da die Eltern sich nicht in ihr Kind haben einfühlen können, woher sollte dann ein Kind lernen, sich in andere Menschen einfühlen zu können? Umgekehrt ist aber die Frustrationstoleranz des Psychopathen sehr klein. Triebgesteuert und durch kein Überich gebändigt, kann schon der kleinste Anlass zu einem Wutausbruch führen. Psychopathen sind emotional unreif.
- schwaches Überich/Gewissen: In einem Klima emotionaler Kälte, vielleicht sogar schwer misshandelt und missbraucht, kann sich kein richtiges Gewissen/Überich entwickeln. Es fehlt dem Kind jegliches Vorbild für richtiges moralisches Handeln. Es lernt nur die Logik des Stärkeren kennen. Aber nur mit einem schwachen Gewissen ausgestattet, ist der Mensch als Erwachsener dann nicht zu Selbstkritik oder Selbsteinsicht fähig. Umgekehrt ist aber sein Triebleben sehr stark und ohne starke Überich-Kontrolle. Folglich sind häufig Sittlichkeitsverbrechen und Sadismus (sexueller Genuss beim Quälen seiner Opfer) anzutreffen.
- schwer erziehbar: Hat ein Psychopath erst einmal eine antisoziale Einstellung verinnerlicht, ist diese nur mehr schwer veränderbar. Die traumatischen Erfahrungen und Verletzungen sind tief und die Einsicht in moralisches Handeln fehlt. Was nötig wäre, wäre ein starkes, charismatisches Vorbild, das sogenanntes „Lernen am Model“ ermöglichen würde. Der Psychopath müsste die Einsicht gewinnen können, dass sich soziales Verhalten „lohnt“ (nach längerfristigem Nutzenkalkül) und dass es moralisch erstrebenswert ist!
Da jedoch das tödliche Ende von jedem von uns irgendwann sicher ist, stellt sich die Frage, was soll mich trotzdem zum moralischen Handeln motivieren? Ist nicht angesichts des Todes jede Anstrengung und jedes Engagement sinnlos? Oder sollten wir gerade weil wir nicht ewig leben werden, versuchen der kurzen Zeit unsres Daseins auf Erden erst recht einen Sinn zu geben? 

Wie kann "lebendig sein" pathologisch werden?
Aber wenn wir genauer in uns hineinfühlen, dann merken wir auch, dass unser Menschsein angesichts des Todes durch Angst und Verzweiflung geprägt ist. Im Sein zum Tode kollabiert die normale Ordnung unserer Welt. Wie schön sind da die Erinnerungen an ein gutes Alltagsgefühl. Dieses ontologische Chaos macht deutlich, dass die Gründe für antisoziale Psychopathie auch in einem irrsinnig gewordenen Daseinsgefühl liegen können. Die Welt überfordert uns. Zu leben kann zur Last werden. Das gute Gefühl lebendig zu sein, kann sich in Pathologien verstricken.

Montag, 7. Juni 2010

Medienhinweis: "Die Vermessung des Glaubens"

Diesen Sonntag wurde der ZEIT-Wissenschaftsredaktor Ulrich Schnabel über sein Buch "Die Vermessung des Glaubens" interviewt. Es geht um Neurotheologie, Religionsgenetik und dem Menschen als das "betende Tier". In seinem Buch "Die Vermessung des Glaubens" fasst er den Stand der naturwissenschaftlichen Diskussion über den religiösen Glauben gut zusammen.

  • Das Buch:
Ulrich Schnabel. "Die Vermessung des Glaubens".
2008, Karl Belssing Verlag (gebundene Ausgabe)
2010, Pantheon Verlag (Taschenbuch)  

  • Das Radio-Interview:
Perspektiven: Die Vermessung des Glaubens
(Sonntag, 6.6.10., 8.30-9.00 Uhr, DRS 2)

Sonntag, 6. Juni 2010

Dämonisch?

Sinnbild der Dämonie

"Auf einer Lichtung hat ein Rebhuhn sich in der Drahtschlinge eines Wilderers verfangen, und man sieht, wie es an der Schlaufe zerrt, aus der es entkommen möchte. Aber je mehr es das versucht, je mehr es scharrt, mit den Flügeln schlägt, zieht die Schlinge sich nur noch fester zusammen. In diesem Moment kommt der Wilderer zu seiner Beute, und das Tier zieht sich zu Tode. [...] [Ähnlich] zappeln die Menschen in den Schlaufen, die ihnen gelegt wurden, mit einer tödlichen Angst, sie möchten eine Freiheit, an der sie zugrunde gehen, weil es für sie kein eigenes Entrinnen gibt." (Drewermann, 2010: 82)
"Am Ende der Paradieserzählung nehmen die Menschen, [...] Gott nur noch wahr mit Blick auf die Kerube [Wächterengel], die am Paradieseingang mit einem Flammenschwert dastehen. Soll heissen: Wenn die Menschen voller Sehnsucht zurückschauen, im Gefühl, es stimmt nichts, es müsste anders sein, es ist so deutlich, wie man richtig leben könnte, aber es ist wie verloren, man findet den Zugang dahin nicht - dann wird immer wieder das Bild jenes Gottes hinter dem Flammenschwert auftauchen, ein richtender Gott, ein strafender Gott, ein gestrenger Gott, einer der den Menschen verstösst und immer wieder von sich wegtreibt. (Drewermann, 2010: 80f.).

Ein Gott ohne Angst

Jesus wollte jedoch das Bild Gottes entängstigen. Die ganze Exzentrik der Angst, die zentrifugale Kraft dieser Schleuderbewegung nach draussen, sollte zur Ruhe kommen. Von der Angst weg ins Vertrauen, das wäre die Rettung.
"Das Unglaubliche müsste geschehen: Das Rebhuhn müsste glauben, dass der Wilderer kommt, um es aus der Schlinge zu holen. Dieses schier Unmögliche müsste es glauben. Es wäre das erste Mal, dass jemand kommt, der die Schlinge löst. Das Angstobjekt selber käme zur Befreiung - das ist die Paradoxität der ganzen Botschaft Jesu. Er bringt Gott in die menschliche Geschichte zurück als jene Grösse, vor der man nicht mehr fliehen muss." (Drewermann, 2010: 82).
"Was wir mit Sinn verbinden, ist ein Erfahrungsraum der Liebe. Das ist es eigentlich, was wir mit Schöpfung umschreiben: Die Dinge, die es gibt, verdienen, geliebt zu werden. Und wenn man in diesem Raum der Liebe eintritt, erlebt man das, was man Gott nennt. Plötzlich hat man völlig andere Handlungsanweisungen, völlig andere Evidenzen für das, was man tun sollte. Das ganze Gefüge, das die Natur uns sonst aufträgt [Darwinismus und Sozialdarwinismus mit dem "Kampf ums Dasein"], ist das Nebensächliche. So mag sie funktionieren, aber so dürfen wir nicht handeln, das ist klar. Das wäre ein Rückfall in die Barbarei. Es ist die Evidenz des Schöpfungsglaubens, der uns sagt: Alles, was existiert, ist überhaupt nur denkbar in einem Raum der Wahrnehmung von Liebe. An Gott glauben wir einzig, wenn und weil wir etwas lieben; daraus ergeben sich Sinnevidenzen, Perspektiven von Hoffnung, Beziehungen des Vertrauens, und darin zu leben heisst, an Gott zu glauben." (Drewermann, 2010: 87)

zitiert aus:
Eugen Drewermann. 2010. Wir glauben, weil wir lieben. - Woran ich glaube. Patmos, Ostfildern.

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Das Gleichnis vom vierfachen Acker und seine Deutung

Als nun viel Volk zusammenkam und Leute aus allen Städten ihm zuströmten, sprach er in einem Gleichnis: Der Sämann ging aus, seinen Samen zu säen. Und beim Säen fiel etliches auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel des Himmels frassen es auf. Anderes fiel auf Fels, ging auf und verdorrte, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Anderes fiel mitten unter die Dornen, und mit ihm wuchsen die Dornen und erstickten es.
Wieder anderes fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfach Frucht. Als er dies gesagt hatte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre! [...]
Das Gleichnis aber bedeutet dies: Der Same ist das Wort Gottes. Die auf dem Weg sind die, welche es hören. Dann kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihren Herzen, damit sie nicht zum Glauben kommen und gerettet werden. Die auf dem Fels sind die, welche das Wort höhren und freudig aufnehmen. Doch sie haben keine Wurzeln: Eine Zeit lang glauben sie, in der Zeit der Versuchung aber fallen sie ab. Das unter die Dornen Gefallene, das sind die, welche es gehört haben und dann hingehen und von Sorgen und Reichtum und Freuden des Lebens erstickt werden und die Frucht nicht zur Reife bringen. Das auf dem guten Boden, das sind die, welche das Wort mit rechtem und gutem Herzen gehört haben, es bewahren und Frucht bringen in Gedult. Lukas, 8: 4-15

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Antoine de Saint-Exupéry

Dienstag, 1. Juni 2010

Anatomie der menschlichen Destruktivität II

Während für Sigmund Freud Verhaltensprobleme durch nicht kontrollierte Triebe entstehen können, sieht Alfred Adler ein Ungleichgewicht zwischen Gemeinschafts- und Geltungstrieb als Ursache. Zentral für Adler ist den Lebensplan, die Ideale eines Menschen zu kennen. Das Gemeinschaftsgefühl hat seinen Grund in der Tatsache, dass wir unsere Lebensziele nur in einer Gruppe (Familie, Nachbarschaft, Gesellschaft, etc.) erreichen können. Ein starkes Gemeinschaftsgefühl drückt sich im Bestreben aus, etwas für das allgemeine Wohlergehen, für die Weiterbildung der Gemeinschaft zu tun.
Diesem sozialen Bemühen kommt aber das Geltungsstreben und der Wille zur Macht entgegen. Es ist die Besessenheit immer und überall zu versuchen, Macht über Menschen (und Tiere) auszuüben. Gemeinschaftsorientierung und Geltungsstreben stehen in einem ständigen Spannungsverhältnis. Nun stellt sich die Frage, woher dieses starke Geltungsstreben kommt? Für Hegel war es noch klar, dass der "Kampf um Anerkennung" der Motor des Geschichtsprozesses ist. Adler frägt aber härter nach, was der Grund für übergrosses Geltungsstreben sein könnte? Und er stösst auf das Minderwertigkeitsgefühl und seine Kompensation. Natürliche, körperliche (z.B. Fettleibigkeit), psychische (z.B. geringe Intelligenz), wie auch gesellschaftliche Mängel (z.B. tiefes soziales Milieu) lassen uns bewusst werden, dass wir nicht in allem unseren Idealen entsprechen. Nun kann der Versuch die "Mängelnatur" des Menschen zu überwinden, zu positiven und grossen Leistungen führen. Aber die Kompensation kann fehlschlagen und ein Teufelskreis kann entstehen. Ein verwöhntes Kind gewöhnt sich an, viel zu fordern und wenig zu geben. So wird es aber als Mitglied einer Gemeinschaft wenig geschätzt, womit Minderwertigkeitsgefühle entstehen. Das Kind oder auch der Erwachsene wird versuchen, dies durch mehr Machtstreben zu kompensieren. Ist erst einmal das Gleichgewicht zwischen Gemeinschafts- und Geltungsstreben gebrochen, führt das Machtsterben in einen immer tieferen Teufelskreis.
Das Gleiche kann bei einer strengen und wenig liebevollen Erziehung passieren. Man kann kein richtiges Selbstwertgefühl entwickeln und versucht den Mangel durch Gewalt zu beheben. Aber das führt zu einem asozialen Verhaltensmuster, und Anerkennung muss gewalttätig erpresst werden. Diese erzwungene Anerkennung ist aber lange nicht so nachhaltig wie Anerkennung und Achtung, die einem aus Liebe entgegengebracht wird. Scham ist eine Tatsache unseres Lebens. Aber der richtige Umgang mit unseren "wunden Punkten" will gelernt sein. Bei gelungener Kompensation kann das Minderwertigkeitsgefühl zu einer regelrechten Energiequelle werden und uns zu ausserordenlichen Leistungen anspornen! Für jeden von uns stellt sich die Frage, wie er mit seiner Scham und seinen Minderwertigkeitsgefühlen umgehen will - produktiv oder destruktiv? Wer taugt mehr als Vorbild Albert Schweitzer oder Adolf Hitler?

Samstag, 22. Mai 2010

Die "conditio humana": Trauma oder göttliche Einheit?

  • Trauma
Trauma, existenzielle Verzweiflung und ein tiefes Gefühl der Entfremdung. Diese "zerbrochenen Verbindungen" stehen für die Fragmentierung der Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zur Welt als Ganzes. In der Ordnung des Seins ist eine Wunde (Martin Buber).
Arizona Center for Social Trauma


  • Gott - das Eine: erfahrbare Wirklichkeit? 

Wo immer ich bin,
stets getragen, gehalten
von der grossen unendlichen Wirklichkeit,
welche die Religionen "Gott" nennen
und Philosophen "das Eine" -
Was ich auch tue -
es geschieht und vollzieht sich
in ihr.

Das "Eine" - ein anderes Wort nur,
Begriff der Philosophen,
für die Wirklichkeit,
die Christen Gott nennen.

Erfahren von Menschen
in vielerlei Wirkweisen, in vielen "Gesichtern" -
je nach religiöser Prägung:
als der eine Gott,
als Vielzahl von Göttern und Gottheiten,
als Nirwana -
als Feuer im Dornbusch oder Wort eines Engels.
Erlebt stets nach menschlich-begrenztem
Vermögen,
erfasst, aufgefangen in irdenen, irdischen
Gefässen.
Jürgen Linnewedel 
(Freies Christentum, Nr. 3/2010)

Sonntag, 9. Mai 2010

Humanismus leben

Der Humanismus ist überzeugt, dass unsere Sinne, unsere Vernunft und unser akkumuliertes menschliches Wissen, fehlbar wie sie auch sind, trotzdem reichen, um alle wichtigen Lebensfragen beantworten zu können. Skeptizismus und Offenheit für Neues sind zentral, zusammen mit einer Vision für unser Leben. Wir sollten wissen, was wir mit unserem Leben erreichen wollen, für welche Idee von Welt wir uns engagieren wollen? Was das Grundsätzliche anbelangt, wollen wohl alle das Gleiche: wir wollen gute Menschen sein, ein erfüllendes Leben leben und Leiden, so gut wie möglich, ausweichen und den Tod, so lange wie möglich, hinausziehen. Aber was wir nicht haben, ist ein Konsensus, wie wir dies erreichen wollen?
Woher wissen wir, dass Mitgefühl und Ehrlichkeit der Weg zu einem guten Menschen sind?
Woher wissen wir, dass Vernunft, Kreativität, Anstrengung und Grosszügigkeit erlauben ein befriedigendes Leben führen zu können?
Woher wissen wir, dass eine Kombination von Wissenschaft, Erfurcht, und schliesslich Akzeptanz der beste Weg ist, um mit Leiden und Tod umzugehen?
Unsere Antworten können immer auch falsch sein. Doch die meisten Menschen gehen davon aus, dass wir herausfinden können, wer für "die Show" (unser Leben auf dieser Welt) verantwortlich ist (Gott, Jesus, Dharma, etc.) und dass dieser Gott, etc. uns sagt, was wir tun sollen. Jede Weltreligion hat entsprechende Antworten auf Lager. Die Gläubigen sind dann meist kritiklos bereit, den entsprechenden Vorgaben zu folgen. Ist es doch Gottes Wille, etc. Der Humanismus wählt jedoch einen anderen Weg. Er hält sich nicht an traditionelle religiöse Überlieferungen. Für den Humanismus werden die Fragen des Lebens durch menschliches Wissen, menschliche Vernunft und menschliche Erfahrungen beantwortet. Dabei können wir auch von den Abenteuern lernen, welche andere erleben und von den Erzählungen der Menschen aus vergangenen Zeiten. Diese Überzeugungen, welche aus unseren Erfahrungen heraus wachsen, können nie dogmatisch sein. Aber warum sollten wir uns um andere Menschen kümmern? - Weil das der Welt entspricht, in der ich leben möchte und der Person, die ich sein möchte. Visionen und Ziele sind Teil dessen, worauf wir unsere Überzeugungen aufbauen. Und schliesslich sind wir immer selber dafür verantwortlich Antworten zu finden, die Sinn für uns machen.

Dies ist eine kurze Zusammenfassung eines interessanten Artikels, wie ich finde, der unter dem Titel "Practicing Humanism", von Kendyl Gibbons in der März-Ausgabe von Quest erschienen ist. (Quest ist die Monatszeitschrift meiner UU Gemeinde: CLF).

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Jeder Mensch ist sich selber ein Geheimniss.

Freitag, 7. Mai 2010

Sein und Werden II

Evolutionäre Spiritualität versucht eine evolutionäre Perspektive mit spiritueller Tiefe zu gewinnen. Es geht um das Potenzial einer evolutionären Weltsicht und Spiritualität. Evolutionäre Spiritualität ist eine Spiritualität von Sein und Werden.
In der Spiritualität des Werdens geht es darum, dass etwas Neues werden möchte. Ein Impuls, welcher drängt, verwirklicht zu werden. Es geht also um das Ganze, um den Kosmos an sich, welcher sich in einem Prozess befindet und nach Höherem strebt, nach mehr Perfektion. Es geht um den evolutionären Impuls oder den kosmischen Eros, der uns drängt weiter zu gehen. Es ist das Werden, die Entwicklung, die ständige Veränderung, Form oder Samsara (relative Ebene, da ständiger Wandel). Schlussendlich geht es darum, zu verstehen, was den ganzen Kosmos antreibt? - Ist es etwa, dass sich der Kosmos durch uns seiner selbst bewusst wird?
Dem steht auf der anderen Seite das Sein, die unendliche Gegenwart, die unendliche Weite, das Eine, das reine Bewusstsein, das Absolute, Gott gegenüber (absolute Ebene).
Hinweise: Im "Integralen Forum" wurde kürzlich die Frage: "Was ist Evolutionäre Spiritualität?" diskutiert.

Die diametral entgegengesetzte Sichtweise ist diejenige von der biologischen Evolution der Religion. Religion wird v.a. als Nebenprodukt von anderen evolutionär fitten Prozessen gesehen, wie z.B. dem Sicherheitsstreben. Aber auch als Anhänger einer Evolutionären Spiritualität nehmen wir an, dass sich die Religion evolutionär entwickelt haben muss. Woher sollte sie denn sonst kommen? Etwa durch ein göttliches Eingreiffen zu Beginn der Menschwerdung? Es sind also die evolutionären Überlebensvorteile, welche den Glauben in unser Hirn gebracht haben. Zu denken ist hier z.B. an die identitätsstiftende und kooperationsfördernde Wirkung der Religion. So wird durch Religion auch das Vertrauen in die eigene Gruppe gestärkt. Und schliesslich hilft Religion uns mit Schicksalsschlägen, wie Tod, Angst und Verlust, fertig zu werden. Aber die Tatsache, dass sich die Religion durch evolutionär fitte Prozesse entwickelt hat, muss noch lange nicht bedeuten, dass sie für uns heute nicht mehr von Bedeutung sein sollte. Denn es ist das Eine, wie der Glaube sich in unserem Gehirn ausbilden konnte (Überlebensvorteile im Entstehungsprozess). Das Andere ist aber, dass er trotzdem nichts von seiner Gültigkeit verliert. Genese und Geltung sind zwei verschiedene Sichtweisen für das Verständnis von Religion. Die Art und Weise des Entstehungsprozesses der Religion (durch Evolution) sagt noch nichts über ihre Gültigkeit aus. Das Göttliche spricht durch den Evolutionsprozess hindurch zu uns. Während die (Religions-)Biologie naturwissenschaftlich erklärt, durch welche evolutionäre Prozesse die Religion entstanden ist, versucht der geisteswissenschaftliche Zugang zu verstehen, warum und wie Religion auch heute noch für uns von Bedeutung sein kann?
Zum Thema "Evolution der Religion" ist diesen Februar auf DRS 2 ein Feature gesendet worden. Es beginnt, nach einem Beitrag zum Thema "Missbrauch", um 8:12 Minuten.

Religiöser Pluralismus

  • Eine Quelle, viele verschiedene Bäche und Flüsse/Religionen, die daraus hervorgehen. Sufi-Mystik
  • Verschiedene Religionen sind wie verschiedene Wege, welche alle auf den selben Berggipfel führen. Ulrich Schnabel, Die Zeit.
  • Verschiedene Blumen/Religionen, die alle zur Schönheit des Gartens beitragen. Sri Chinmoy
  • Ein göttliches Licht, viele verschiedene Fenster/Religionen, durch die das Licht in die "Kathedrale der Welt" leuchten kann. Forrest Church, UU
  • Viele Religionen, viele verschiedene kostbare Schätze. Wolfgang Huber, EKD
  • Selbst in den anderen Religionen ist noch ein "Strahl" der katholischen, allumfassenden Wahrheit zu erkennen. 2. Vatikanisches Konzil.
Ein Element post-moderner Spiel-Freudigkeit des Göttlichen sollte hier erkannt werden können und nicht die Gefahr eines beliebigen Relativismuses (Benedikt XVI), eines "anythings goes"! Mein liberal-religiöses Motto lautet: Je bunter, um so besser!

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Werden oder Sterben?
Stirb und Werde!