Montag, 16. Mai 2011

Die gefährliche Mischung von Macht und Sex

Was bringt einen Mann - der in einer wichtigen und öffentlichen Position steht - dazu, sich derart kopflos zu benehmen? (gemeint ist der Vergewaltigungsvorwurf gegen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn)
Eine ungute Mischung aus: Persönlichkeitszügen, Verwahrlosung, Ausreden und armseliger Bedürftigkeit. Mächtige kommen an ihre Positionen, weil sie sehr ehrgeizig sind. Sie wollen Welt gestalten und Menschen führen, sie streben nach Macht. Das kann nur, wer sehr von sich überzeugt ist, also eine starke narzistische Selbstüberschätzung mitbringt.
Und Narzissmus verstärkt unüberlegtes Handeln?
Narzissmus vermittelt Gefühle von Grossartigkeit, Unwiderstehlichkeit, Grössenfantasien. Die "Verwahrlosung" tritt dann ein, wenn die Mächtigen erleben, wie leicht sie sich durchsetzen können und dass ihnen keiner mehr Widerstand entgegensetzt. Sie lernen am Erfolg, wie jeder pubertäre prügelnde Jugendliche: Da geht ja noch was! Ausreden für ihr Handeln haben sie jede Menge, weil ihr Job im Grunde zerstörerisch und voller Entfremdung ist: keine Zeit für Familie und Privatleben, ein Leben aus dem Koffer - auch in menschlicher Hinsicht. ...
Welche Rolle spielt das Thema Selbstüberschätzung bei Skandalen?
Mächtige sind von Mitläufern umgeben, die ihnen häufig den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Sie suchen und brauchen auch ganz viel Ermutigung, denn Politik ist mit vielen Kränkungen verbunden, hinter den Kulissen oder noch schlimmer: Scheitern und Demütigung in aller Öffentlichkeit. ...
Steigert Macht die sexuelle Lust?
Lust ist immer kulturell ausgefüllt, eingebettet oder kanalisiert. ... Macht schafft Ausnahmesituationen, und die gelten in unserer Kultur viel. ...
Wieseo stolpern denn Machtmänner oftmals über die eigene Libido?
Sexualität kann zum rasch konsumierbaren Ersatz für wahre Wärme und zu einer greifbaren Darstellung und Selbstvergewisserung von Macht, zu einer Art Beweis an sich selbst werden: Ich bin noch da, ich bin noch wer, ich kann noch, ich hab alles im Griff. Diese Kontrolle über das menschliche Nahfeld ist ein tragendes Merkmal der Bewerkstelligung von Männlichkeit in unseren Gesellschaften. ...
In Skandalen durchlaufen die Angegriffenen eine ziemlich stereotype Abfolge von Verteidigungsstufen. So ähnlich wie bei einem Schuljungen, der beim Abschreiben erwischt wird: abstreiten, anderen die Sache in die Schuhe schieben, die Absicht verleugnen, die Folgen kleinreden. Oder alles als Ergebnis guter Ziele und Vorsätze darstellen und schliesslich einen letztlich doch vielleicht möglichen Nutzen für die Allgemeinheit ausdenken. Diese assertive Selbstdarstellung, wie die Sozialpsychologie das nennt, lernen wir schon als Kinder.
(Auszüge aus einem Interview mit Politik-Psychologe Dr. Thomas Kliche, auf Tagesanzeiger.ch, 16.5.11;
Die gefährliche Mischung von Macht und Sex)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.