Dienstag, 29. Dezember 2009

Das "Tao der Religion"

Mit dem "Tao der Religion" meine ich, dass in allem Wandel der religiösen Weltbilder, im Laufe der Evolution von Gott, doch das Gute und eine göttliche Stimme hindurchscheinen. Gandhi hat dies einmal sehr schön auf den Punkt gebracht, und seine Formulierung erinnert mich dabei an taoistische Sinnsprüche:
"Es ist möglich die Existenz Gottes in gewisser Weise durch die Vernunft zu erkennen. Es gibt eine Ordnung im Universum, ein unveränderliches Gesetz beherrscht alles. Inmitten des Todes dauert das Leben fort, inmitten der Unwahrheit dauert die Wahrheit fort, inmitten des Unrechts dauert das Recht fort, in aller Dunkelheit dauert das Licht fort. Während alles, was mich umgibt, ewigem Wechsel unterworfen ist, ist zugleich eine lebendige Kraft am Werk, die sich nicht verändert."
Dieses Gandhi-Zitat taucht nicht zum ersten Mal in diesem Blog auf (vgl. "Elemente des Weltbildes von Gandhi" vom 29.4.09; ). Und das ha t auch seinen Grund. Bringt es doch die religiöse Grundwahrheit auf den Punkt: das radikale Grundvertrauen in die Welt, in die Schöpfung - bei allem Wandel! Die Gutheit des Ganzen. Und wie die verschiedenen Ausformulierungen - je nach konkreter religiöser Weltsicht - auch immer heissen.
Dieser religiöse Glaube hat mich schon lange begleitet. So fand ich, dass er auch in gewissen evolutiven Vorstellungen der Soziologie zum Vorschein kommt. Anstelle von gnadenlosem Sozialdarwinismus und einem rein funktionalistischen Verständnis von Soziologie, geht die "konfliktive Evolutionstheorie" von Volker Bornschier davon aus, dass längerfristig der entscheidende Vorteil in der Entwicklung von Gesellschaften ein höheres Mass an Legitimität ist. Ungleichheiten müssen begründet sein. Wer mehr sein will und mehr haben will, muss auch mehr können und sich mehr anstrengen. Aber wie das "konfliktiv" andeutet, geht die Entwicklung von Gesellschaften nicht konfliktfrei. Konflikte treten immer wieder auf, aber längerfristig gewinnen die Guten! Beziehungsweise was unter gegebenen historischen Bedingungen maximal möglich ist an sozialem Frieden und sozialer Gerechtigkeit. Bornschier zeigt dann in seinem Klassiker "Westliche Gesellschaft im Wandel" (1988), wie bei der Entstehung der modernen Welt und des Kapitalismus im historischen Evolutionsprozess, die legitimeren Gesellschaften es waren, die gewonnen haben. Intrinsische Motivation, nicht äusserer Zwang, ist was eine Gesellschaft zusammenhält und eine Wirtschaft zum florieren bringt. Neben der historischen Studie, untersuchte Bornschier diesen Vorgang auch empirisch. Für die Westlichen Gesellschaften hat er Zahlenmaterial zusammengestellt, dass zeigt, wie dieser Effekt schon im 19. Jahrhundert quantitativ nachgewiesen werden kann. Schliesslich untersucht er den Zusammenhang mit Hilfe eines multiplen Regressionsmodells für die Nachkriegszeit, bis ca. Anfang der 80er Jahre. In meiner Dissertation (2000) habe ich das Modell verfeinert und weiterentwickelt. Für die Zeit von 1990 bis 1998 konnte ich zeigen, dass ein Mehr an Sozialkapital, d.h. an Vertrauen, Gemeinschaftssinn, Toleranz und sozialer Gerechtigkeit zu höherem Wirtschaftswachstum führte. Kontrolliert wurde bei dieser Analyse der Einfluss des Entwicklungsstandes und der Ausbau des Produktivapparates (physisches Kapital) und der Bildung (Humankapital).
Ich erzähle dies alles, weil für mich der "rote Faden" dabei ist, wie das "Gute" längerfristig - gegen alle Widerstände - am gewinnen ist! So hat sich im 20. Jahrhundert gezeigt, dass die Vertreter der Freiheit sich längerfristig gegen inhumane Diktaturen (Nazis und realexistierender Sozialismus) durchsetzen konnten. Dies könnte - spieltheoretisch formuliert - auch bedeuten, dass sich immer mehr Win-Win-Beziehungen durchsetzen. Auf deutsch: Handel, die wechselseitige Kooperation, bei der beide Seiten gewinnen, ist die erfolgreiche Strategie! In meiner Dissertation gehe ich diesem Phänomen im 1. Kapitel "Social Dilemmas and the Problem of Cooperation" nach (S. 10-20). [Übrigens kann meine Dissertation wieder kostenlos im Netz gelesen werden: A Reformed European Model.]
Mit grossem Interesse habe ich nun eine Buchbesprechung von H. Allen Orr über das Buch "The Evolution of God", von Robert Wright, in der New York Review of Books gelesen (Can Science Explain Religion? Nr. 1, 14. Januar, 2010; ). Robert Wright ist ein Spezialist für die Anwendung spieltheoretischen Denkens auf Geschichte und Religionsgeschichte. Der Geschichtsprozess ist getrieben vom Geist des Handels, von wechselseitig vorteilhafter Kooperation. Dies ist eine klar optimistischere Sichtweise, als eine macht- und ausbeutungsorientierte Sichtweise (vgl. Nietzsche und Marx). In "The Evolution of God" (2009) wird auch die Entwicklung des Gottesbildes als Anpassung an dieseitige Bedingungen, wie Ökonomie, Politik und Krieg, gesehen. Es wird eine materialistische Sichtweise verfolgt. Nichtsdestotrotz führt für Wright die Entwicklung der Nicht-Nullsummen-Dynamik der Religionsgeschichte dazu, dass sich immer mehr Toleranz und moralische Inklusion auf der Welt verbreiten, zusammen mit immer positiveren Gottesbildern!
Wright will diese Entwicklung nun spirituell und religiös verstehen.
"If history naturally carries human consciousness toward moral enlightenment, however slowly and fitfully, that would be evidence that there's some point to it all. At least, it would be more evidence than the alternative... To the extent that "god" grows, that is evidence - maybe not massive evidence, but some evidence - of higher purpose. Which raises this question: If "god" indeed grows, and grows with stubborn persistence, does that mean we can start thinking about taking the quotation marks off?"
Und: "In the great divide of current thought - between those, including the Abrahamics, who see a higher purpose, a transcendent source of meaning, and those, like [Steven] Weinberg, [and the other so-called New Atheists Daniel Dennett and Richard Dawkins], who don't - the manifest existence of a moral order comes down clearly on one side."
Der Rezensent H. Allen Orr meint nun, dass eine materialistische Theorie der Moralentwicklung noch kein Beweis für die Existenz von Transzendentem ist. Dem kann nicht widersprochen werden. Aber die Existenz von positiver Moralentwicklung und positiveren Gottesbildern im Laufe der Geschichte kann doch als ein Grund der Hoffnung angesehen werden. Und Wright sieht korrekt, dass es sich beim "höheren Sinn" nur um einen Hinweis und eine Intuition handelt. Aber doch soviel!
***

Wright argumentiert auch, dass die ganze biologische und kulturelle Evolution auf Erden positiv, d.h. als Hinweis auf einen höheren Sinn verstanden werden sollte. Wenn man sich die einzelnen Entwicklungsschritte von der ersten lebenden Zelle, über mehrzellige Organismen, hin zu Menschen mit moralischem Empfinden und der Fähigkeit zur Hervorbringung von High-Technologie, vor dem inneren Auge verdeutlicht, ist das schon eine gewaltige Entwicklung! Dies ist ja genau die - inzwischen wohl etwas vertraute - Argumentationslogik der "Evolutionären Spiritualität", wie sie in diesem Blog entwickelt wird. Und in diesem Zusammenhang möchte ich noch auf ein anderes Buch hinweisen: "Integral Consciousness and the Future of Evolution" (2007) von Steve McIntosh. Er zeigt im Detail die Entwicklung von menschlichem Bewusstsein und menschlicher Kultur auf. Dabei weist er darauf hin, dass diese Entwicklung stufenweise vor sich geht, und dass sich die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins und die Entwicklung der menschlichen Kultur in vielem entsprechen. Für mich faszinierend zu lesen war sein 3. Kapitel, in dem er die spiralförmige, dialektische Höherentwicklung der menschlichen Kultur aufzeigt. Ihm gelingt es - meiner Meinung nach - dabei sehr gut die jeweils zentralen Einflussfaktoren aufzuzeigen. Vom Archaischen, über die Stufe der Stammesgesellschaften, zum Kriegerbewusstsein, dann aber weiter zum traditionalistischen Bewusstsein, dann die Moderne und schliesslich die Postmoderne. Die Entwicklung hört dann aber noch nicht auf. Durch starke Vernetzung der Menschen und einer neuen ganzheitlichen Sicht entsteht schliesslich die Stufe des Integralen Bewusstseins (so zumindest meine Lesart, im Anschluss an Teilhard de Chardins "Noosphäre"). Der Fortschrittsgedanke und die Gerichtetheit dieses Entwicklungsprozesses sind die beiden Hauptelemente einer evolutionären Spiritualität. Sie sind der Grund für Hoffnung. Kritisch muss aber angefügt werden, was soll nach der integralen Stufe kommen? McIntosh lässt hier das Feld offen und spricht von einem post-integralem Bewusstsein. Was aber soll das sein? - Damit möchte ich auch nochmals auf eines meiner ersten Postings von diesem Jahr zurückkommen: Ewiger Fortschritt, Erscheinung Gottes, Apokalypse, oder ...???
***

In diesem Blog-Posting erwähnt Bücher und Links:

Wright, Robert. 2009. The Evolution of God. Little, Brown.
Orr, Allen H. Can Science Explain Religion? The New York Review of Books. Vol. 57, No. 1, January 14, 2010.

McIntosh, Steve. 2007. Integral Consciousness and the Future of Evolution - How the Integral Worldview Is Transforming Politics, Culture and Spirituality. Paragon House, St. Paul.
Bornschier, Volker. 1996. Western Society in Transition. Transaction Publishers, New Brunswick. (Habe nur noch seine überarbeitete englische Ausgabe zu Hause.)

Leicht, Michael. 2000. A Reformed European Model - Social Capital as Competitive Advantage. Grin Verlag.

***

Das unbegreifliche Wunder der Existenz der Welt, der Anderen und unser selbst.
Die Möglichkeit Wahrheit zu erkennen und die Möglichkeit Gutes und Schönes zu erleben.
Das ist das grosse Geschenk des Staunens!

Samstag, 26. Dezember 2009

Der Abgrund

"Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein."
Friedrich Nietzsche, 'Jenseits von Gut und Böse'

Montag, 21. Dezember 2009

Angestrahlt vom ewigen Licht

In diesem Posting möchte ich einmal nicht so weit fortschweifen. Sondern vielmehr mich mit einer Predigt von Pfarrer Ruedi Wöhrle von der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Zürich-Albisrieden mehr im Detail beschäftigen. Also so zu sagen schauen, was vor meiner Haustüre religiös so los ist. Die langen Zitate machen klar, dass mich die Predigt sehr angesprochen hat. Auch wenn ich mit ein paar längeren dogmatischen Formulierungen nicht einverstanden bin.

"Antwort auf die tiefsten Fragen des Menschseins geben: Hat mein Leben einen Sinn, eine Bedeutung? Was ist der Sinn meines Lebens? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Komme ich überhaupt irgendwoher und komme ich irgendwann an ein Ziel, nachhause? Bin ich verloren in der Unendlichkeit eines letztlich sinnlosen, gefühllosen, bewusstlosen Universums - ein zufälliger Splitter in einer riesigen Masse, oder bin ich aufgehoben in und mit einem sinnvollen, zielgerichteten Kosmos - Teil eines grossen, zusammenhängenden Ganzen? [...]
Diese Welt ist die Schöpfung eines bewussten Willens nach einem weisen, wunderbaren Plan, der am Ende vollendet wird. Wir sind getragen von einem Ewigen, der uns geschaffen hat und der uns am Ende erwartet.
Gott, der Ewige, Unendliche, Unfassbare, den wir nie begreifen, sondern nur anrufen und anbeten können hat nach einem Urplan und Urbild, das wir in einem Geheimnis empfangen können, alles geschaffen. Christus, [...] das Urgeheimnis der ewigen Liebe, die sich selbst verschenkt, ist der Plan der Schöpfung. [...] Es gibt nichts und niemand, den er nicht als zu ihm gehörig sehen möchte. [...] Die ganze Welt ist getragen von einem bewussten Geist. [...] Wenn er seinen Atem zurückzieht, versinkt alles ins Nichts. [...]
Aber ich selbst werde in dem Kind in der Krippe zum Kind Gottes, das unwiderruflich zu ihm gehört und das er durch Christus trägt. Ich bin angenommen, aufgehoben bei ihm. [...] Durch Christus [als göttlichem Vermittler] liegt auch auf uns etwas vom Abglanz der ewigen Herrlichkeit Gottes, von seinem Licht. [...] Gott ist nicht allein. Gott hat ein Gegenüber. Und er macht uns zu seinem Gegenüber in Liebe. Geschaffen in seinem Bild, angestrahlt von seinem Licht, wiederspiegeln wir etwas von seiner Herrlichkeit und werden ihn am Ende schauen von Angesicht zu Angesicht. [...]
Aber nun geht durch die Welt ein unendlich schmerzlicher Bruch. Wir erfahren Lieblosigkeit und werden verwundet. Wir machen uns selber schuldig durch Lieblosigkeit. Die wunderbare Christus-Harmonie, der Friede, der göttliche Schalom wird gestört, und wir stören ihn auch. Wir haben all das Böse und all das Leiden in der Welt. Und wir können nicht alle Fragen beantworten. Wenn es keinen Gott und keinen Plan gibt, dann ist alles sinnlos. Und die Mörder und Diktatoren haben schlussendlich das bessere Los gezogen als ihre Opfer. [...]
Wenn aber Christus das All trägt, dann geht diese Welt auf ihr grosses Ziel, auf ihre Vollendung zu und wir kommen auch an unser Ziel. Wir können zwar im Moment oft unseren Weg, unser Schicksal nicht verstehen. Aber wir glauben von der Christus-Tat und vom Christus-Mysterium von Kreuz und Auferstehung her [aber bitter nur symbolisch verstehen!], dass Gott zuletzt auch über alles Schlechte oder Böse triumphiert. [...] Wir haben sehr oft nicht die Wahl unser Schicksal zu ändern. Aber wir haben die Wahl, wie wir damit umgehen.
[Der nächste Absatz ist für mich ziemlich diffus oder wollen wir sagen "poetisch". Aber wer weiss schon wirklich eine einfache Antwort auf das Unheil und das Böse?]
Das Verbrechen, der Unfall, die Krankheit trifft mich - je nachdem habe ich einen gewissen Anteil daran. Aber ob ich bitter werde oder ob ich mit Christus die Wunde und den Schmerz annehme und mich in seine Liebe hinein gebe, die mich trägt, - es sind ja die Hände des Gekreuzigten und Auferstandenen mit den ewigen Wundmalen, die mich tragen - ob ich das tue, und so die Kraft seiner Liebe und Vergebung empfange, das ist meine Wahl und meine Entscheidung.
Ich kann auch andere beschuldigen für vieles im Leben: in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft: ich das Opfer von dem, was andere tun. Ich bleibe so in meinen Wunden hängen und kann sie das Leben lang lecken und bitter grollen, wüten und auf Rache sinnen. Es hilft mir nichts - ich mache nur mich selber bitter und krank. Christus ist immer da und wartet auf mich: in den Wunden liegt die Heilung zu Liebe und Vergebung. Und realisieren wir es doch: wir erweisen nicht anderen, sondern uns selbst den grössten Dienst, wenn wir ihnen vergeben. Die anderen können vielleicht nicht einmal etwas damit anfangen, wenn wir ihnen vergeben - aber wir selber, wir werden auf jeden Fall durch Vergebung frei.
Wie schlimm ist doch die Bitterkeit - und wie gut tut die Liebe! Warum wählen Menschen dann überhaupt Bitterkeit, Groll und Wut? Weil es besser ist negative Gefühle zu haben als gar nichts zu spüren. So spüren sie sich wenigstens. Es gibt ja Menschen, die sogar sich selbst verletzten um sich zu spüren. Und in Wut und Rachsucht spürt man sogar noch Energie! Und weil man nichts Besseres kennt, bleibt man in der vertrauten bitteren Sosse sitzen. Nach dem Motto, das der Psychologe Watzlwick so formuliert hat: Lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück. Es braucht Mut, aus diesen Mustern aufzubrechen und den Schmerz der Wunden anzunehmen. Aber der Mut lohnt sich. Wer erfahren hat, wie sehr Liebe und Vergebung Balsam für die Seele ist, wird immer wieder den Weg aus der bitteren Sosse suchen. Es gibt keine grössere Kraft auf der Welt, als die der geheilten Wunden. [...]
In Christus will uns Gott nicht gewaltsam vereinnahmen, sondern unsere Herzen gewinnen.
Aber wir kommen angesichts des Weltgeschehens und der Menschenschicksale auch immer wieder ins Wanken, ob sich denn Gott tatsächlich letztgültig in dieser Welt gezeigt hat. Kriege und Konflikte, akute Krisen, schlimme Ereignisse und Entwicklungen lassen uns immer wieder fragen, wo wir Gottes Gegenwart in unserer Welt festmachen können, und wo wir Gott in unserem persönlichen Leben entdecken können. Nicht jeder von uns geht mit fröhlicher Feststimmung auf die Feiertage zu. Krankheit und Trauer, Sorgen und Ängste, Resignation und erschöpfte Kräfte lassen uns die Gegenwart Gottes zuweilen nur schwer erkennen. [...]
[Die Antwort auf das Theodizee-Problem ist nun einmal mehr die Botschaft der Gewaltlosigkeit, und dann das formelhafte Lob auf unseren Gott Jesus Christus und seine märchenhafte Existenz unter den Menschen!]
Aber so ist es, singt jubelnd der Hebräerhymnus, es ist so, dass Gott diese Welt durchdringt und sie nicht mit brutaler Gewalt, nicht mit der Logik von Vergeltung und Rache, nicht mit den Mitteln von Unterdrückung und Unterwerfung bezwingt, sondern sie von sich selbst erlöst und damit alles zu seinem Erbe[!] erklärt. Es beginnt mit dem Kind in der Krippe, es setzt sich fort im Wirken des Nazareners, es überwindet Leid und Tod in Kreuz und Auferstehung Jesu und setzt sich fort in seinem Geist, mit dem Christus unter uns lebendig ist, seine Welt und unser Leben trägt und zu dem Ziel einholt, das Gott vorherbestimmt hat."

Aus der Predigt am 4. Advent zu Hebräer 1,1-6, Zürich-Albisrieden, 20. Dezember 2009.

Christentum? - Das christliche Ideal ist die Nachfolge Jesu und die entsagungsvolle Hingabe an die himmlische Verheissung. Kurz: Liebe und Harmonie mit Gott und der Welt.

Freitag, 18. Dezember 2009

"Gefährliche Lehren"

"Sie verbreiten gefährliche Lehren, Monsignore. Dort, wo die Kontrolle der Kirche versagt, regiert das Chaos. Und wo Chaos herrscht, verbreitet sich das Böse. Die Macht der Kirche ist das Einzige, was die Kräfte der Finsternis aufhalten kann. Deshalb muss die Macht ausgeübt werden! Man darf sie nicht aus intellektuellem Hochmut oder naiver Grosszügigkeit links liegen lassen - man muss sie benutzen!
"Darüber liesse sich in der Tat vortrefflich spekulieren - wer liess es zu? [Die Rede ist von Kindsmissbrauch!] Vielleicht das System an sich? Ein System, das die natürliche Sexualität des Menschen leugnet? Ein System, das menschliche Gefühle und Sehnsüchte verdammt? Ein System, das zu Heuchelei und Lüge verleitet? Ein System, das versucht, aus seinen Priestern geschlechtslose Eunuchen zu machen?"
"Ich bin nur ein Werkzeug in den Händen Höherer. Hier geht es um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Unser Auftrag ist es, die Kirche zu reiningen und zu befreien von den Schmutzschichten der modernen Zeit. Wir werden sie wieder in Reinheit und Glanz erstrahlen lassen, als Leuchtturm für alle Gläubigen! Unser Arm reicht weit."
"Und dafür sind Sie bereit, das Leben anderer Menschen zu zerstören?"
"Schwachheit öffnet der Sünde die Tür. Er und andere hohe Geistliche bis hinauf in die Spitzen des Apostolischen Palastes haben vor dem Ungeist der Moderne kapituliert! Sie betrachten den Heilsweg Christi nur noch als einen unter vielen, leugnen den absoluten Wahrheitsanspruch der Kirche! Sie opfern das göttliche Geheimnis auf dem Altar der Beliebigkeit! Statt Diener Gottes sind sie Diener dieser Welt geworden, und deklarieren diesen Ausverkauf der Kirche als Öffnung zur Gesellschaft! Sie degradieren die Kirche zu einer x-beliebigen Wohlfahrtsorganisation! Sie wagen es nicht mehr, mit der Hölle zu drohen, aus Angst, sich damit unbeliebt zu machen! Sie verraten den Auftrag Gottes!"

Ist das wirklich der Weg zu einer "Zivilisation der Liebe"?

Auszüge aus dem fiktiven Roman von Ingo-Michael Feth "Confiteor - Ich bekenne", 2007 im Literareon, Herbert Utz Verlag erschienen.

Freitag, 11. Dezember 2009

Glaube als radikales Grundvertrauen

Im der neusten Ausgabe von "reformiert.info" vom 11.12.09 gibt Hans Küng ein Interview (S. 3). Im Folgenden drei Auszüge, die mir besonders wichtig erscheinen:

"Es gibt zahllose Gründe, weshalb man an einen Gott glauben kann und soll. Das beginnt mit dem grossen Fragen nach dem Ursprung des Kosmos, dann die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Sterbens. Es stellen sich viele solcher letzten Fragen, die ohne einen Gottesglauben nicht so beantwortet werden können, dass man sich auf eine unbedingte, absolute Instanz berufen kann."

"Der Glaube löst nicht einfach alle Rätsel. Der Glaube kann nicht mathematisch-naturwissenschaftliche Beweise liefern. Sondern er ist in erster Linie ein Vertrauen - vertieftes, verankertes, radikales Grundvertrauen."

"Warum das Leid? Und wie verhält sich Gott dazu? Das sind die schwierigsten Fragen überhaupt. Es gibt nun die Alternative: Sie können sagen, das Leid in der Welt verunmöglicht mir den Gottesglauben. Oder Sie können gerade deswegen an Gott glauben, um überhaupt mit dem Leid fertigwerden zu können. Denn wenn es keinen Gott gibt, sind es gerade die Ungerechten, die am Ende gewinnen. Dann siegt der Mörder über das Opfer."

***
 
Wenn das Böse unsere Welt verfinstert,
dann gib uns Licht.
Wenn Verzweiflung unsere Seelen betäubt,
dann gib uns Hoffnung.
Wenn wir taumeln und uns fürchten,
dann umgib uns mit Liebe.
Wenn nichts sicher erscheint,
dann gib uns Vertrauen.
Wenn wir unseren Weg verlieren,
dann sei Du unser Licht und unser Führer.
 
von David A. Johnson
(Übersetzung aus dem Englischen und Adaption von mir)
 
***
Als Menschen fragen wir immer nach dem "Wieso?" und "Warum?" unseres Lebens? Dies weil wir von etwas angezogen werden, dass uns nach Sinn streben lässt. Wir brauchen Sinn genau so wie Essen und Trinken. Die Menschen drängt es zu verstehen und ihrem Leben die grösst mögliche Bedeutung zu geben. Bei grossen Einbrüchen in das Alltagsleben - durch Tod und Leid - werden unsere Alltagskategorien durcheinander geworfen. Die Frage ist dann, ob wir hoffen können, dass sich der "Sinn" wie von selbst wieder zuspielen wird, weil die Welt und das Leben letztlich sinnvoll sind? Oder ob wir befürchten müssen, keinen "Sinn" mehr zu finden, weil die Welt im Letzten absurd ist?
Diese "Sinn-Arbeit" ist dabei nicht bloss intellektuell, sie ist tief spirituell. Es geht um nicht weniger als um unser Verhältnis zu unserem Planeten, unserem Verhältnis zu einander und um unser Verhältnis zum Wunder und Rätsel unserer Existenz. Die Sinnsuche ist religiös, weil sie uns klar macht, was uns wirklich wichtig ist, und was wir erstreben, was wir hoffen, und was wir fürchten.
 
***
 
An dieser Stelle sei schliesslich nochmals an das Posting "Die Schöpfung ist grösser als ein Bekenntnis...", vom Mittwoch, den 15.7.09 erinnert. Das UU Bekenntnis (1990) vom damaligen UUA-Präsident W. Schulz ist inzwischen ganz wiedergegeben.

Montag, 7. Dezember 2009

Vom richtigen Verständnis der Bibel

Die Bibel und ihre Geschichten sind immernoch überall in unserer europäischen Kultur präsent. Aber die Bibel ist nicht ein klares philosophisches Werk, welches uns systematisch über die Welt, Gott und die Unsterblichkeit informieren würde. Vielmehr ist sie eine Sammlung von Geschichten verschiedener Autoren. Was beeindruckt ist ihr enormes Alter: einige tausend Jahre. So verwundert es auch nicht, dass es in der Bibel von Wundern und übernatürlichen Ereignissen nur so wimmelt. Die modernen Naturwissenschaften waren noch nicht entwickelt, als sie geschrieben wurde, um einen distanzierteren, objektiveren und aufgeklärteren Blick auf die Welt zu bieten. Aber vielleicht ist das auch garnicht nötig. Sind es doch vor allem die Märchen und legendären Geschichten, wie z.B. die Weihnachtsgeschichte, die uns emotional direkter ansprechen können und sich in unser kulturelles Gedächtnis eingegraben haben. Das Übernatürliche steht einfach für eine transzendente, göttliche Dimension.
Religiös Liberale sollten die Bibelinterpretation nicht den buchstabengläubigen Fundamentalisten überlassen. "Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig." (2. Brief an die Korinther, 3,6). Wenn es auch in der Bibel und dort v.a. im Alten Testament zahlreiche Belege gibt für einen grausamen und rachsüchtigen Gott, so wird dieser doch im Laufe der Zeit und im Laufe der Bibel besser. Der Gott des Neuen Testaments ist auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten. Hoffnung entsteht, die über den Tod hinausreicht. Die Bibel muss auf eine befreiende Art und Weise gelesen werden. Wichtig ist zu verstehen, was in der menschlichen Erfahrung transzendente Metaphern wie "Schöpfung", "Befreiung" und "Auferstehung" hervorgebracht hat?
Die Bibel ist nicht im wörtlichen Sinne Wort Gottes. Sie ist nur grosse Literatur! Die Bibel ist menschliche Literatur über das Göttliche, nicht göttliche Literatur über den Menschen. Aber sie versucht von einem göttlichen Standpunkt aus uns etwas über das Menschsein zu lehren. Sie versucht Menschen eine Richtschnur zu geben, wie sie der transzendenten Quelle der Schöpfung, Befreiung und letzten Gerechtigkeit treu bleiben können. Wir wissen aber auch, dass die Bibel nur Stückwerk ist. Nicht alle religiöse Wahrheit ist in sie in der Vergangenheit eingeflossen. Wohl aber die wichtigste von Glaube, Liebe und Hoffnung! Und wo diese Drei das Thema sind, da ist auch die göttliche Offenbarung.
Die zentrale Inspiration für diesen Beitrag war der Artikel "Why bother with the Bibel ... interpret, or others will do it for you" von John Buehrens, erschienen in UUWorld.

Donnerstag, 26. November 2009

Die Liebe, Gott und der Glaube

"Liebe Brüder, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgezogen (4,1). Liebe Brüder, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe (4,7&4,8).
Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet. Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns bleibt: Er hat uns von seinem Geist gegeben (4,12&4,13). Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm (4,16a&b).
Denn alles, was von Gott stammt, besiegt die Welt. Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube (5,4)."
Aus dem 1. Brief des Johannes

Montag, 23. November 2009

Götterdämmerung

Im Folgenden ein paar paraphrasierte Gedanken und Dialoge aus der Serie 'Battlestar Galactica'.

Weil hier noch eine andere Kraft am Werk ist, und das schon immer so war. Das ist unbestreitbar. Die Welt lässt sich alleine rational nicht erklären. Sie ist voller Rätsel. Und werden unsere Lieben, die tot sind, nicht wieder auferstehen? Ob wir das nun Gott oder Götter nennen wollen oder lieber hehrne Inspiration oder eine göttliche Kraft, die wir nicht verstehen. Das ist unwichtig. Es ist da. Es existiert. Und unser Schicksal ist mit dieser Kraft verbunden. - Wenn das wahr wäre? Woher weiss ich dann, dass diese Kraft nur das Beste für uns will, dass Gott auf unserer Seite ist? - Ich weiss es nicht. Gott ist nie nur auf einer Seite. Gott ist eine Naturgewalt jenseits von Gut und Böse. Gut und Böse haben wir erschaffen. Sie wollen dem ein Ende setzen, dem Kreislauf von Geburt, Tod, Wiedergeburt, Zerstörung, Flucht, Tod? Das liegt in unseren Händen. Und nur in unseren Händen. Das erfordert einen Vertrauensvorschuss. Dafür müssen wir in Hoffnung leben. Und nicht in Angst.

Ist eine göttliche Hand im Spiel? Wer immer dafür verantwortlich ist, wir sind hier. Wenn wir eins gelernt haben sollten, dann dass unser Verstand unserem Herzen immer voraus war. Unsere Wissenschaft raste dahin und unsere Seele konnte da nicht mithalten. Fangen wir von vorne an. Was ist wohl das Beste, was wir zu bieten haben? - Der Balast, die Geräte, die Technologie, die Waffen? Unterschätzen wir nicht die Sehnsucht nach einem Neuanfang. Wir wollen sehen, was wir zur Welt beitragen können, bevor Gott uns dann zu sich holt. Jeder sollte sein eigenes Schicksal finden. Jeder hat seine Freiheit verdient. Aber wie werden wir uns weiterentwickeln? Freiheit ist ein Risiko. Aber Freiheit ist der Weg um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Das ist ein Risiko, dass sich einzugehen lohnt.

Es ist die Perfektion, um die es mir geht. Es geht um diese Augenblicke, wenn wir die Perfektion der Schöpfung spüren können. Welche Pracht die Physik ist. Welches Wunder so etwas wie die Mathematik ist. Das Hochgefühl von Aktion und Reaktion. Und das ist die Art von Perfektion, mit der ich verbunden sein will.

Das ist wirklich eine wunderschöne Welt. Hat sie auch einen Namen? - Sie heisst Erde. Die Erde ist ein Traum. Einem, dem wir schon seit langer Zeit nachjagen. Wir haben es verdient. Das ist die Erde. Leg deinen Arm um mich. So geht das.

Diesmal werde ich nicht zurückkommen. - Wo willst du hin? - Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich hier nichts mehr zu tun habe. Ich bin am Ende meiner Reise angelangt. Und es fühlt sich gut an. Und was wirst du jetzt tun? Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens. - Ich will erforschen. Alle Berge besteigen. Ich will die Ozeane überqueren. Götter ich kann nicht fassen, dass ich das sage. Das klingt so anstrengend!

So viel Leben. Das ist alles was Gott von uns wollte? - Gottes Plan ist nie abgeschlossen.
Bis zum bitteren Ende. Egal was passiert.

Konsum, Dekadenz, Technologie, die aus dem Ruder läuft. Erinnert dich das an was? All dies ist schon einmal geschehen. Aber die Frage bleibt offen, muss dies mal wieder geschehen? - Ich wette, dies mal muss es das nicht. - Aber warum so übertrieben optimistisch sein? - Mathematik, Gesetz des Durchschnitts. Wenn ein komplexes System sich lange genug wiederholt, könnte irgendwann etwas überraschendes passieren! Das gehört auch zu Gottes Plan.

Wenn die Sonne hinter den Bergen aufgeht, ist es himmlisch. Das erinnert mich an dich. Ich liebe dich. Leb wohl und Auf Wiedersehen! Du bleibst unvergessen. Wir sehen uns auf der anderen Seite wieder ...

Donnerstag, 19. November 2009

Das "Epos der Evolution"

Existenzialisten sehen die Welt atheistisch (ohne Gott) und nihilistisch (ohne Sinn). Glaube und Sinn sind bloss Kategorien des Denkens, die wir brauchen, weil wir sonst die Kälte der Nichtigkeit des Seins nicht aushalten könnten. Und auch der moderne Szientismus, der Glaube, dass die Welt im letzten wissenschaftlich erklärbar ist, ist atheistisch. Der szientistische Reduktionismus lässt nichts als materialistische Wissenschaft gelten. Der "Epos der Evolution" versucht nun hingegen wissenschaftliche Theorie mit dem Heiligen und der Religion zu verbinden. Die moderne Wissenschaft - insbesondere die Evolutionstheorie - wird als eine bedeutungsvolle und emanzipatorische Schöpfungsgeschichte erzählt. Die Evolution ist ein spiritueller Prozess und nicht bloss bedeutungsloser Zufall. Dabei verlässt sie jedoch das Gebiet der Wissenschaft nicht. Der Stoff des neuen "Epos der Evolution" ist die kosmische, biologische und kulturelle Evolution.
Zwei wichtige Elemente dieses "Epos der Evolution" sind einerseits eine "integrale Kosmologie" und anderseits das Erwachen zu einem Bewusstsein der "Tiefenzeit". "Integrale Kosmologie" bedeutet, dass das Universum als bewusst, beseelt und Geistiges enthaltend angesehen wird. Das Bewusstsein und das Seelische sind intrinsische Eigenschaften des Universums, so etwas wie die "Innenseite der Materie" (Teilhard de Chardin) und nicht bloss das Beiprodukt eines zufälligen Prozesses. Das zweite Element ist das Erwachen zum Bewusstsein der "Tiefenzeit", d.h ein Bewusstsein für die ungeheure Zeitdauer des Evolutionsprozesses - vom Big Bang bis heute - zu entwickeln. Eine solche Sicht kann als wahrlich kosmozentrisch bezeichnet werden. Die Antwort auf die Frage,"Wer bin ich?" lautet dann: "Ich bin das Universum, das durch mich seiner selbst bewusst wird!"
Das "Epos der Evolution" ist aber eine relativ neue Sichtweise. Erst die grossen Entdeckungen der modernen Wissenschaft in den letzten beiden Jahrhunderten haben es möglich gemacht. Es ist v.a die Evolutionstheorie von Darwin und die moderne Kosmologie, die uns eine neue Antwort auf die Frage, woher wir kommen, geben. Und erst die letzten Jahrzehnte haben dieses Wissen zu einer kohärenten Geschichte werden lassen. Wir haben in den letzten hundert Jahren mehr über das Leben gelernt, als in der gesamten Menschheitsgeschichte davor.
Die "Neue Geschichte", die "Universumsgeschichte", bzw. die "Grosse Geschichte" - alles Synonyme für das "Epos der Evolution" - versuchen uns in der Welt auf eine Art und Weise zu verorten, die uns grundsätzlichen Sinn, Orientierung und Richtung geben. Die "Neue Geschichte" lässt aber vormoderne Schöpfungsmythen hinter sich und orientiert sich am Wissen der modernen Kosmologie und Evolutionstheorie. Ausgangspunkt ist im Universum - so wie wir es kennen - zu leben. Aber die "Grosse Geschichte" beinhaltet weiterhin eine mythische Komponente, die uns emotionalen Halt geben soll und uns helfen soll, mit den Ängsten, welche unser Verstand alleine nicht bändigen kann, klar zu kommen.

Bei den nun folgenden Fragen schliesse ich mich weitgehendst Brian Swimme an. Die erste Frage ist: Wo bin ich? - Mein Zuhause ist der Planet Erde, welcher nur einer von unzählbar vielen Planten dieses Universums ist. Die zweite Frage ist: Wer bin ich? - Um zu verstehen, wer wir sind, müssen wir wissen, woher wir kommen? - Die Antwort hierauf soll in drei Etappen gegliedert werden: (i) von der Geburt des Universums zur Erde, (ii) von der Erde zum Leben und (iii) vom Leben zum Menschen.
Zu (i) von der Geburt des Universums zur Erde: Menschsein bedeutet eine Fortsetzung der ursprünglichen Energie zu sein, welche zu Beginn der Zeit mysteriös erschienen ist. Bezüglich des Universums sind wir eine späte Phase eines Transformationsprozesses.
Zu (ii) von der Erde zum Leben: Das Wichtigste, was wir von der "Neuen Geschichte" gelernt haben, ist dass wir Teil eines evolutionären Prozesses sind. Die Erde ist nicht etwas von uns verschiedenes. Vielmehr ist die Erde, das was uns geboren hat. Mit dem Leben war eine neue Stufe der Komplexität erreicht. Als die Komplexität einen bestimmten Punkt erreicht hat, begann sie sich durch eine Membran zu schützen. Im Inneren diese Membran war die erste lebende Zelle geboren. Wir sind eine Weiterentwicklung der Selbstorganisationsfähigkeit dieses Planeten. Was für unseren Planeten Erde so charakteristisch ist, ist dass er so erfinderisch ist. Nachdem die Photosynthese, d.h. die Möglichkeit der Energieübertragung von Licht auf eine Pflanze entstanden war, entstand eine weitere grosse Transformation: die Sexualität. Von nun an konnten durch genetische Rekombination viel schneller neue Arten entstehen. Nun, wer sind wir? - Ich bin der selbe Prozess, der die Erde mit der Sonne in Beziehung bringt (Photosynthese) oder zwei sich paarende Tiere. Wir sind in unserem Abenteuer Mensch zu sein, fähig in tiefe Beziehung zu treten. Wir sind, als Teil des Lebensprozesses im Allgemeinen und als bewusste Lebensformen im Speziellen, Erde, welche zu einem besseren Verständnis ihrer selbst kommen will. Wir Menschen sind eine tiefere Dimension des reflexiven Sich-Orientierens. Das Leben wollte so verzweifelt wissen, dass es einen Weg fand zu sehen.
Was ist die Essenz des Lebens? - Leben will tiefere und reichhaltigere Erfahrung. So hat es sehen gelernt, aber auch hören und fühlen. Der Mensch ist eine tiefere Entwicklung dieses basalen Lebensimpulses. Die menschliche Natur ist das Ergebnis dieses kosmisch-evolutiven Prozesses. Wir wollen wissen. Wir wollen sehen. Wir wollen tiefes Verständnis und tiefe Gefühle.
Zu (iii) vom Leben zum Menschen: Biologisch hat sich die Entwicklung des Lebens mit dem Menschen verlangsamt. Wir sind auf einer genetisch unterbestimmten Stufe der Freiheit und Neugier stehen geblieben. Diese instinktive Unbestimmtheit ist ein Charakteristikum des Menschen. Anstatt dass uns unsere DNA sagt, was wir tun sollen, sind die frühen Menschen zutiefst vom Wunder der Existenz fasziniert worden. Wir sind das Leben, dass spielen kann, neugierig ist, sich wundert, Ehrfurcht hat und fasziniert ist. Alles folg aus diesem Erstaunen. Menschsein ist eine Steigerung des Gefühls! Wir konnten vom Feuer fasziniert werden - dem Waldbrand. Aber es konnte auch der Sonnenaufgang oder -untergang sein. Wir konnten uns Gedanken über den Sonnenaufgang machen, wenn alle anderen Tierarten ihn schon wieder vergessen hatten. Oder Tod. Oder Geburt. Alle Aspekte des Universums waren und sind für uns erstaunlich. Und die Antwort der menschlichen Gemeinschaft darauf war, diese tiefen Erfahrungen miteinander zu teilen, womit die Sprache geboren war. Sprache ermöglicht es, dass jeder seine Erfahrungen mit anderen teilen kann. Gelerntes wurde so zu intersubjektivem Wissen. Während alle anderen Arten im Wesentlichen durch ihre Gene bestimmt sind, ist der Mensch das weltoffene Wesen. Und wir können von dem Wissensschatz lernen, was frühere Generationen bereits gewusst hatten. Wir sind Individuen. Aber unser Geist ist bestimmt durch die Erfahrungen, welche wir Menschen in den letzten 200'000 Jahren gemacht haben und welche zu Ausdruck in Kultur fanden.

Dieses kosmisch-planetare Denken sollte nun aber auch helfen, neue Antworten auf die grossen Herausforderungen und Gefahren unserer Zeit zu finden. Das neue Denken ist fundamental dadurch geprägt, dass wir Menschen alle Teil der gleichen Erdgemeinschaft sind. Unsere Wahrnehmung an dieser neuen Stufe des Denkens auszurichten, ist der erste Schritt. Worum es aber grundsätzlich geht, ist eine Erweiterung unseres Niveaus an Sinn. Als Kinder dieses schöpferischen Prozesses sollten wir lernen, was das für jeden Einzelnen von uns heisst? - Diese Energie, die durch mich fliesst, war noch vor kurzem Energie der Sonne. In Form von Nahrung, welche ihre Energie für das Wachstum direkt (Pflanzen) oder indirekt (Tiere) von der Sonne hat, leben auch wir von Sonnenenergie. Und die Sonne hat ihre Energie vom Beginn des Universums.
Sich gegenwärtig zu sein, heisst nicht nur die "Neue Geschichte" zu kennen, sondern diese "Neue Geschichte" zu sein, das Universum zu sein. Sich gegenwärtig zu sein, heisst dass die Geburt des Universums nun passiert. Ich bin die Energie des Beginns des Universums. Die Energie vom Beginn der Zeit "spricht" jetzt hier. Das bedeutet sich gegenwärtig sein. Ich bin ein Individuum, aber auch auf's tiefste Teil des Universums, nun hier präsent. Es ist, als ob das Universum vollständig seiner selbst bewusst werden will, in der intensiven Erfahrung, welche wir Menschsein nennen!
Was am Universum so erstaunlich ist, ist dass alles eine Rolle hat. Alles hat eine kreative Mission zu erfüllen. Wie man aber seine eigene authentische Rolle findet, wird einem erst im Laufe seines Lebens klar. Aber die Richtung wird einem gewiesen, indem man merkt, dass man "inklusiver" werden sollte. Im Laufe der menschlichen Geschichte ist der Kreis der "In-Group", der Kreis der Menschen, mit denen wir uns eng verbunden fühlen, und um die wir uns kümmern, immer grösser geworden. Aber diese Entwicklung hat ihre Grundlage bereits in inklusiven Evolutionsprozessen. Vor 400 Millionen Jahren haben Fische aufgehört ihre Kinder zu fressen. Vielmehr haben sie angefangen sich etwas um sie zu kümmern, d.h. Zeit und Energie ihnen zu opfern. Die Elternsorge hat sich mit den Reptilien weiterentwickelt. Die Eier werden behütet und gewärmt. Und das Mutterreptil kümmert sich um die Jungen. Dann kommen die Säugetiere und die Sorge vertieft sich weiter, so dass sie sogar lebenslang anhalten kann. Kind und Eltern können für den Rest ihres Lebens miteinander verbunden bleiben. Bei den Jäger und Sammler bildeten sich Gruppen von 20 bis 50 Menschen aus. Das ist das Zentrum ihrer Welt. Wer ausserhalb dieses Kreises des Vertauens steht, sind die "Anderen" oder gar die "Feinde". Dann wurden die Menschen sesshaft und haben angefangen den Boden zu bebauen. Erste Dorfgemeinschaften entstehen, später Fürstentümer, schliesslich Staaten. Mit der Entwicklung der Zivilisationen kam eine Verbundenheit mit einer Gruppe von Millionen von Menschen. Und heute stehen wir vor der Schwelle den Nationalstaat zu überwinden und zu einer wahrhaft grossen planetaren Gemeinschaft zu finden. Sicher, ein Teil der Energie wird für notwendige Abgrenzungen gebraucht. Aber die Hauptentwicklungsline des Universums ist die von grösseren Kreisen der Sorge! Eine fundamentale Herausforderung der heutigen Zeit ist, Wege zu finden zu grösserer Gemeinsamkeit und Verbundenheit. Das Schicksal des gesamten Lebens auf diesem Planeten wird in immer grösserem Masse durch uns Menschen bestimmt. Unsere Verantwortung ist es nun die menschliche Präsenz auf dem Planeten so zu strukturieren, dass die fundamentalen Bedingungen für Leben auch in Zukunft vorhanden sind. Und so dass weiterer Fortschritt in Richtung von grösserer Kooperation, Anpassungsfähigkeit, Komplexität und Bewusstsein möglich ist, kurz: immer grössere Kreise der Liebe!





Zusammenfassung: Dies ist die grosse Entdeckung der Wissenschaft, dass man Wasserstoffgas nehmen kann, es lange genug alleine lässt, und es verwandelt sich in Rosenbüsche, Giraffen und sich liebende Menschen.
Brian Swimme hat viele der Ideen, die ich hier vorgetragen habe, in zwei guten Kurz-Videoserien "The New Story" und "Our Current Moment" präsentiert.
Zentrale Gedanken wurden auch bereits im Posting 'A Unitarian Universalists Faith Perspective' vom 10.3.09 in diesem Blog besprochen.
Weiter möchte ich auf die Website "The Epic of Evolution" hinweisen. Sie gibt einen guten Überblick über online Quellen zum Thema.
Schliesslich soll auch noch der Film von Barbara Marx Hubbard "Humanity Ascending" erwähnt werden. Auf der Website gibt es einen Film-Trailer und auch der ganze Film (40 min.) kann für $ 4.95 angeschaut werden oder als DVD gekauft werden.

Montag, 9. November 2009

Der Weg zu Gott ist der Weg des Herzens

Der Weg zur Einheit mit Gott ist auch ein Weg der Entgrenzung. Das bedeutet aber, dass wer seine Mitmenschen nicht lieben kann, auch Gott nicht liebt. Den dann ist das menschliche Wesen begrenzt und damit auch seine Liebe. Auf diesem Weg der Entgrenzung ist das Verschmelzen mit den Menschen eine notwendige Vorstufe, vor der Vereinigung mit Gott. Wir streben danach die Begrenzungen zu überwinden und mit der Schöpfung und mit Gott in Einklang zu kommen (Sufi-Weisheit).

Sonntag, 8. November 2009

Haben wir umsonst gelebt?

In meinem Blog Posting 'Jenseits' (vom 11.10.09; ) bin ich der Frage nachgegangen, ob es etwas ausmacht, dass wir ein Leben gelebt haben? Dies im Hinblick auf die beiden Zustände des Nicht-Seins vor und nach unserem Leben. Die Schlussfolgerung war, dass ein Leben gelebt zu haben, und wie wir es gelebt haben, einen Einfluss haben könnte, auf das was nach unserem Tod kommt.

Heute möchte ich die Frage stellen, ob es für jeden von uns nicht wichtig sei, dass wir nicht umsonst auf diese Welt gekommen sind? Egal welcher Religion man angehört, oder ob man Atheist und/oder Existenzialist ist, die Frage nach dem Lebenssinn ist doch für alle sehr zentral! Wenn wir einen Rückblick auf unser jeweiliges Leben machen, ist doch schliesslich das einzig Entscheidende, dass wir feststellen können, dass wir nicht umsonst gelebt haben, dass wir Spuren der Liebe in dieser Welt zurücklassen.

Rabbi Nachman von Braslaw hat das mal schön formuliert:
"Die ganze Welt soll die Wahrheit erkennen, dass wir nicht umsonst auf diese Welt gekommen sind, auch nicht um zu streiten und Konflikte zu schüren, Gott behüt, und nicht um zu hassen und Neid zu hegen und Blut zu vergiessen, Gott behüt."

***
 
Das erinnert mich auch an ein Lied aus meiner Kindheit: "Jenseits von Eden" von Nino de Angelo (). Es war einer der ersten grossen Pop-Hits, der sich in meine Erinnerung eingeprägt hat.

Wenn das Leben zerbricht


         
Sich auf das Sterben vorbereiten. Gute Website zum Thema: Trauernetz

***
 
Eine andere Quelle der Hoffnung können auch regelmässige Morgenandachten und Worte zum Tag sein. Die beiden Sender des Deutschlandradios bieten solche Sendungen täglich an (um ca. 6.30 Uhr). Und was mich überzeugt hat, es sind Sendungen mit einem gewissen Niveau. Das Deutschlandradio Kultur lässt dabei auch regelmässig Angehörige nicht-christlicher Religionen zu Worte kommen.
Die Links für Audio on Demand sind, "Morgenandacht"/DLF, "Wort zum Tag"/DRadio Kultur.

Freitag, 6. November 2009

Christmas Wishes

If I had the power to produce exactly what I want for Christmas,
I would have all the kings and emperors resign and allow the people to govern themselves.

I would have all the cardinals, archbishops, bishops, priests, and clergy admit that they know nothing about theology, nothing about hell or heaven, nothing about the destiny of the human race, nothing about devils or ghosts, gods or angels.

I would have them tell their "flocks" to think for themselves and do all in their power to increase the sum of human happiness.

I would like to see all editors of newspapers and magazinesagree to print the truth and nothing but the truth, to avoid all slander and misrepresentation, and to let the private affairs of people alone.

I would like to see corporal punishment done away with. Cruelty hardens and degrades; kindness reforms and ennobles.

I would like to see a fair division of profits between capital and labor, so that the toiler could save enough to mingle a little June with the December of his life.

I would like to see the whole world set free - free from injustice - free from superstition.

This will do for this Christmas. Next Christmas, I may want more.

Robert Ingersoll, 1897

Mittwoch, 4. November 2009

Es ist Halloween ...

'Dante's Cove' ist eine schwule Telenovela gekreuzt mit Horrorelementen. Zu Beginn der Serie steht - wie zu vermuten ist - Dante's 'Inferno'. Danach geht es aber um Liebe, und wie sie selbst dunklen Kräften letztlich widerstehen kann. Der Refrain der Titelmelodie ist entsprechend auch ganz dramatisch: "Dying to be with you!"

Dante's Cove

Dante's Cove: Love Scenes

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Der utopische Anspruch des Christentums

Unsere Gesellschaft beruht auf Gewaltverhältnissen und Herrschaft von Menschen über Menschen. Und die Alpha-Tiere meinen, dass ihnen auch noch ein besserer Platz im Himmel zusteht. So berichtet eine Geschichte in den Evangelien, dass die Brüder Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, hervorgetreten sind und Jesus fragten: "Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den anderen links neben dir sitzen." Jesus aber führt zum Thema Herrschen und Dienen aus: "Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch gross sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele." (Markus 10,37 & 10,42-10,45).

Das Gesagte baut natürlich auf Jesus Liebesphilosophie auf, welche er in der Bergpredigt - in der Rede von der wahren Gerechtigkeit - ausführlich erläutert. Er beginnt mit der Seligpreisung:
"Er sagte:
Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
Selig, die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich
Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weisen verleumdet werdet. Freut auch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird gross sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt." (Matthäus, 5,3-5,12).

Dann erklärt er den Menschen, dass sie das Licht der Welt sind.
"Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäss darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen." (Matthäus, 5,14-5,16).

Der Höhepunkt seiner Liebesmystik ist dann aber seine Rede von der Liebe zu den Feinden: "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eueres Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüsst, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?" (Matthäus, 5,43-5,47).
Im Hinblick auf Vergeltung lehrt Jesus: "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. [...] Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab." (Matthäus, 5,38-5,40 & 5,42). Hier erkennt Jesus sehr wohl, was er fordert, nämlich nicht weniger als: "Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist." (Matthäus, 5,48). Das Prinzip der Nicht-Vergeltung ist sicher sehr weise. Gewaltspiralen können so zum Stillstand kommen. Aber ob die totale, freiwillige Auslieferung an seine Feinde immer der richtige Weg ist, will ich doch anzweifeln! Hierzu ist ein kleiner Exkurs mit zwei Beispielen angebracht.

Einerseits Gandhi mit seinem gewaltfreien Widerstand gegen die Engländer. Gandhi hat konsequent auf Nicht-Gewalt (sanskrit ahimsa) gebaut. Und da er es im Falle der Engländer doch noch mit einigermassen zivilisierten Menschen zu tun hatte, hat dies schliesslich grossen Eindruck gemacht. (Kolonialismus ist nicht nur als eine Form der Ausbeutung zu verstehen, sondern auch als die Last des weissen Mannes die Kolonialvölker zu zivilisieren und zu entwickeln.) Im Falle aber z.B. der Nazis, glaube ich dass völlige Gewaltlosigkeit ein Fehler gewesen wäre. Dafür waren die Nazis zu machtbesessen und zu gewaltbereit! Hätte die "freie Welt" keinen Widerstand gegen die Nazis geleistet, wäre Europa heute wahrscheinlich unter der Herrschaft der Nazis, anstatt dass sich eine friedliche Union Europäischer Staten (EU) herausbilden würde.

Aber zurück zu Jesus vor 2000 Jahren und seiner totalen Opferbereitschaft. Sein qualvoller Opfertod am Kreuz macht doch Eindruck und hat das Christentum geprägt. Nur kann ich als moderner Mensch nicht daran glauben, dass sein Opfertod von irgendwelcher religiöser Heilsbedeutung sein sollte! Das Kreuz steht also "nur" als Symbol für übermenschliche, altruistische Opferbereitschaft. Und seine Forderung "Folge mir nach" (Matthäus, 9,9) ist als eine Aufforderung zu verstehen, bereit zu sein zum äussersten Einsatz für eine gute Sache!
Wer dennoch weiterhin an das "Kreuz" glauben will, wird es wohl so verstehen, dass Gott wirklich bereit ist, sich um uns zu kümmern, selbst wenn es auch für Ihn einmal anstrengend und sogar qualvoll werden sollte. So aber die Allmacht Gottes anzuzweifeln, öffnet der Frage Tür und Tor, wer Gott so gewaltig herausfordern können sollte? Das müssten wohl schon sehr finstere, böse, eben satanische Kräfte sein. Satan ist der göttliche Widersacher.

Ich möchte aber versuchen, nicht in einen solchen Dualismus zu verfallen. Es kann zwar sehr wohl gezweifelt werden, ob Jesus überhaupt wirklich gelebt hat? Denn die Evangelien könnten auch bloss literarische Fiktion sein! Und wenn es einmal einen charismatischen Jesus aus Fleisch und Blut gegeben hat, wurde er wohl wegen seiner revolutionären Liebesbotschaft und seiner Aufsässigkeit gegen die Obrigkeit hingerichtet. Aber das von seinem Kreuzestod, dass Heil der Menschheit abhängen sollte, ist wohl eher eine morbide Phantasie, die später dazu gedichtet wurde. Jesus steht für mich nicht als Widerstand gegen Satan, sondern will uns vielmehr daran erinnern, immer unser "Bestes" zu geben!
Dennoch scheint mir seine Warnung vor den zwei Wegen und vor den falschen Propheten als sehr weise. "Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dahin ist schmal und nur wenige finden ihn." Und: "Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie (harmlose) Schafe, in Wirklichkeit, aber sind sie reissende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie [aber] erkennen." (Matthäus, 7,13-7,16).
Schliesslich können wir uns die ganze Botschaft auch ganz einfach merken, in Form der Goldenen Regel.
"Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten." (Matthäus, 7,12).

Später, nach Jesus Tod am Kreuz, beginnt die Geschichte der kirchlichen Christenheit. Eine christliche Kirche sollte sich nun bilden, als (figurativer, auferstandener ?) Leib Christi. Und in dieser christlichen Gemeinschaft sollte Gottes Gegenwart sichtbarwerden. Neben den Evangelien bilden die Briefe des Apostel Paulus den grössten Teil des Neuen Testaments. In ihnen geht er auf Glaubensfragen ein, ermahnt aber auch Gemeinden, die sich nicht so recht entwickeln wollten. Er fordert die Gläubigen auf zu einem Leben aus dem Geist.
"Eure Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten! Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung! Lasst nicht nach in eurem Eifer, lasst euch vom Geist entflammen und dient dem Herrn! Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet. [...] Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht! Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden! [...] Bleibt demütig! Haltet euch nicht selbst für weise! Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! [...] Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute! (Brief an die Römer, 12,9-12,21).
Schliesslich belehrt uns Paulus über die höheren Gnadengaben und er singt das Hohelied der Liebe. "Ich zeige euch jetzt noch einen anderen Weg, der alles übersteigt:
Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
Und wen ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besässe und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. [...]
Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf! (1. Brief an die Korinther, 13,1-13,8).

Wie utopisch dieses Weltbild ist, darüber lässt sich streiten. Aber auf alle Fälle geht von solchem Liebesreden eine grosse Faszination aus. Eine Flamme der Liebe ist entzündet worden. Das Ideal ist eine Gesellschaft ohne Gewalt. In der wir weder herrschen müssen, noch beherrscht werden. Wo wir "mit anderen für andere da sind". Eine Gesellschaft von einander helfenden und einander dienenden Menschen, die einander brauchen. Eine Gesellschaft, in der jeder gebraucht wird, in der es kein Oben und kein Unten gibt, sondern in der alle gleich nebeneinander stehen, gleichberechtigt und gleich wichtig, mit verschiedenen Gaben in ein und derselben Familie, wie Geschwister.

Und was heute noch nicht ist, kann ja noch werden....

***
... und die Text Lyrics dazu.

Montag, 26. Oktober 2009

Ehrfurcht vor dem Leben

"Gut ist: Leben erhalten und fördern; schlecht ist: Leben hemmen und zerstören. [...] Die Ehrfurcht vor dem Leben und das Mitleben des andern Lebens ist das grosse Ereignis für die Welt. Die Natur kennt keine Ehrfurcht vor dem Leben. Sie bringt tausendfältig Leben hervor in der sinnvollsten Weise und zerstört es tausendfältig in der sinnlosesten Weise. [...] Der grosse Wille zum Leben, der die Natur erhält, ist in rätselhafter Selbstentzweiung mit sich selbst. Die Wesen leben auf Kosten des Lebens anderer Wesen. Die Natur lässt sie die furchtbaren Grausamkeiten begehen.
Die Welt, dem unwissenden Egoismus überantwortet, ist wie ein Tal, das im Finstern liegt; nur oben auf den Höhen liegt Helligkeit. Alle müssen in dem Dunkel leben, nur eines darf hinaus, das Licht schauen: Das höchste, der Mensch. Er darf zur Erkenntnis der Ehrfurcht vor dem Leben gelangen, er darf zu der Erkenntnis des Miterlebens und Mitleidens gelangen, aus der Unwissenheit heraustreten, in der die übrige Kreatur schmachtet.
Da sagt der Versucher: So kann man nicht leben. Man muss absehen können von dem, was um einen vorgeht. Nur keine so grosse Empfindsamkeit. Erziehe dich zur notwendigen Gefühlslosigkeit, lege einen Panzer an, werde gedankenlos wie die andern, wenn du vernünftig leben willst. Zuletzt kommen wir dann so weit, dass wir uns schämen, das grosse Miterleben und das grosse Mitleiden zu kennen. Wir [...] tun als wäre es uns etwas Törichtes, so etwas, das man ablegt, wenn man anfängt ein vernünftiger Mensch zu werden.
Dies sind die drei grossen Versuchungen, die uns unversehens die Voraussetzung, aus der das Gute kommt, zugrunde richten. Seid wachsam gegen sie. Der ersten begegne, indem du dir sagst, das Mitleiden und Mithelfen ist für dich eine innere Notwendigkeit. Alles, was du tun kannst, wird in Anschauung dessen, was getan werden sollte, immer nur ein Tropfen statt eines Stromes sein; aber es gibt deinem Leben den einzigen Sinn, den es haben kann und macht es wertvoll. Wo du bist, soll, so viel an dir ist, Erlösung sein, Erlösung von dem Elend, das der in sich selbst entzweite Wille zum Leben in die Welt gebracht hat, Erlösung, wie sie nur der wissende Mensch bringen kann. Das Wenige, das du tun kannst, ist viel - wenn du nur irgendwo Schmerz und Weh und Angst von einem Wesen nimmst, sei es Mensch, sei es irgendeine Kreatur. Leben erhalten ist das einzige Glück.
Der anderen Versuchung, dass das Mitleiden dessen, was um dich vorgeht, Leiden für dich ist, begegne dadurch, dass du dir bewusst wirst, dass mit dem Mitleiden zugleich die Fähigkeit des Mitfreuens gegeben ist. Mit der Abstumpfung gegen das Mitleiden verlierst du zugleich das Miterleben des Glücks der andern. Und so wenig Glück ist, das wir in der Welt erschauen, so ist doch das Miterleben des Glücks um ums herum mit dem Guten, das wir selbst schaffen können, das einzige Glück, welches uns das Leben erträglich macht!"

von Albert Schweitzer

Freitag, 23. Oktober 2009

Gedankensplitter

Die New-Age-Idee, dass die Realität nur von uns geschaffen sei, klingt, als wäre ein süchtiger Verstand verrückt geworden. Das ist eine der selbstzentriertesten Ideen, die ich je gehört habe.

Beschreibe z.B. die Berge und sage, dass so etwas Schönes und Gewaltiges nicht deine Schöpfung sein kann. Das gesamte Universum ist so komplex, dass wir es nie ganz begreifen können, ganz zu schweigen von kreieren.
Anne Wilson Schaef

Oder ist das gerade das Abenteuerland, das wir uns alle gemeinsam ausgedacht haben? Ein Land in dem es Entdeckungsreisen, Schöpfungsakte und Sinnstiftung gibt.

***
Foucauls Hauptinteresse richtet sich auf die Erforschung der "polymorphen Techniken der Macht": in welchen Formen, durch welche Kanäle, mittels welcher Diskurse schafft es die Macht, bis in die winzigsten und individuellsten Verhaltensweisen vorzudringen; auf welchen Wegen erreicht sie die seltenen und unscheinbaren Formen der Lust, und auf welche Weise durchdringt und kontrolliert sie die alltägliche Lust?
***
"Rely not on the teacher/person, but on the teaching. Rely not on the words of the teaching, but on the spirit of the words. Rely not on theory, but on experience. Do not believe in anything simply because you have heard it. Do not believe in traditions because they have been handed down for many generations. Do not believe anything because it is spoken and rumored by many. Do not believe in anything because it is written in your religious books. Do not believe in anything merely on the authority of your teachers and elders. But after observation and analysis, when you find that anything agrees with reason and is conducive to the good and the benefit of one and all, then accept it and live up to it."- the Buddha (Kalama Sutra)

Dienstag, 20. Oktober 2009

Spiritualiltät für Kinder und andere IV

Eine Art sich den "Geist", den "Spirit" vorzustellen, ist sich ein Licht in jeder Person vorzustellen. Du kannst das Licht nicht sehen, aber Du kannst es fühlen, wenn Du kreative Dinge tust, nett bist oder ganz einfach die Welt verbesserst. Und Du kannst es in anderen Personen spüren, wenn diese die gleichen Sachen machen. Du kannst mit diesem Licht durch Gebet, Meditation u.Ä. in Kontakt treten. Gebet oder Meditation helfen Dir ruhig zu werden, so dass Du dein inneres Licht wahrnehmen kannst. Und das Beste, was wir als religiöse Gemeinschaft machen können, ist einander zu helfen, dieses innere Licht so stark wie möglich zum Leuchten zu bringen. Lass unser Herz so voll werden mit Freude und Dankbarkeit, so dass es förmlich überschwappt und anderen helfen will.

Was denkst Du, welche Aktivitäten oder Situationen helfen Dir, dein inneres Licht zum Leuchten zu bringen? Hat Dir jemals jemand geholfen, dein Licht heller zum Leuchten zu bringen? Was hat er oder sie getan? Hast Du je jemandem anderen geholfen sein Licht leuchten zu lassen?

RE Express Plus, November 2009

***

Katrina & The Waves - Love Shine A Light

Spiritualität III

"Wo Verzweiflung und Sehnsucht sich paaren, da entsteht die Mystik." Nietzsche

Aus evolutionärer Sicht hat das Gefühl eines Sinns unseres Lebens wohl unsere Fähigkeit zu überleben vergrössert. Aber spirituelle Intelligenz ist weit mehr als das. Sie umfasst unser Bedürfnis nach und den Zugang zu tiefer Bedeutung und fundamentalen Werten. Sie kreist um die Fragen: Warum sind wir hir? Warum leben wir? Was macht das Leben lebenswert? Spirituelle Intelligenz (Danah Zohar) bedeutet sicher idealistischer zu werden. Wir suchen nach einem bedeutungsvolleren Leben. Wir legen mehr Wert auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen: Mitgefühl, Liebe, eine dienende Haltung, Freundlichkeit. Das gibt unserem Leben einen höheren Sinn. Menschen die spirituell intelligent sind, streben nach einem höheren Sinn, sie haben tiefverwurzelte Werte, und sie leben diese. Es geht darum, zurückzutreten und bisherige Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Man geht vielleicht sogar durch "die dunkle Nacht der Seele." Das Überwinden dogmatischen Denkens - mit seiner zweifelhaften Sicherheit - ist dafür eine Voraussetzung. Existenzielle Angst und Einsamkeit können sich nun als Folge des Verlusts unserer Alltagssicherheit einstellen. Aber Konfrontation mit der eigenen Ohnmacht gehört dazu. Spirituelle Grenzerfahrungen können wie ein Schock wirken und Menschen traumatisieren, beziehungsweise vorübergehend "verrückt" machen. Die Begegnung hingegen mit etwas Grösserem innerhalb oder ausserhalb der eigenen Seele können helfen. Vier Hauptwege ermöglichen eine solche Begegnung:
- die Riten der Religionen,
- die Begegnung mit den Kräften in der Natur,
- das Erleben von Schönheit in der Kunst und
- die Liebe im zwischenmenschlichen Bereich.
Von solchen Begegnungen kann eine transformierende Kraft ausgehen.

Die Liebe zu Gott kann sich jedoch nicht auf einer Feindselikeit anderen Menschen gegenüber aufbauen lassen. ("Die Menschen haben mich enttäuscht, sie lieben mich nicht, also wende ich mich Gott zu in der Hoffnung, dass er mich nicht enttäuscht.") Vielmehr mündet Bescheidenheit in der Überzeugung, dass es wichtiger ist, andere zu lieben als sich selbst. Im Erleben der kosmischen Liebe werden die Unterschiede zwischen Du und Ich aufgehoben. Der spirituelle Weg die Begrenztheit des Egos zu transzendieren, findet auch eine Antwort auf die Probleme von notwendiger Abgrenzung, Distanz und "gesunder Aggression". Denn der Mittelpunkt meiner inneren Welt ist nicht mehr mein eigenes Vorwärtskommen, mein eigener Vorteil, sondern mein Denken und Fühlen ist darauf gerichtet, was für die Menschheit, das Leben als Ganzes in dieser konkreten geschichtlichen Situation notwendig ist. Weisheit wird zu einem Tanz mit dem Mitgefühl. Weisheit weiss, dass hinter den Vielen das Eine steht. Mitfühlen weiss, dass das Eine die Vielen ist. Fliehe also die Vielen und suche das Eine; hast Du es gefunden, so erkenne und umfange die Vielen als das Eine. Und warum das Ganze? - Weil alleine zu tanzen keinen Spass macht!

Ein paar Schnipsel aus Info 3, der anthroposophischen Zeitschrift, haben für die notwendige Inspiration gesorgt.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Evolutionäre Spiritualität = Materialismus + X

So langsam wird es mir klar, worin der grosse Unterschied zwischen einer Evolutionären Spiritualität und normaler Evolution liegt. Während klassische Evolution nur ein mechanistischer, materialistischer Prozess ist, beinhaltet Evolutionäre Spiritualität auch den Geist. Evolutionäre Spiritualität ist also so etwas wie Materialismus plus Seele! Deswegen sprechen viele Anhänger der Evolutionären Spiritualität auch viel von Bewusstseinsentwicklung durch Meditation. Von diesem Ende her betrachtet, scheint es mir dann aber wieder zu viel Geist und Bewusstsein zu sein und zuwenig Realismus. Im Spirituellen bin ich mehr für einen eklektischen Ansatz. Aber wichtig im Hinblick auf die Komponente "Evolution" in der Evolutionären Spiritualität ist eine Entwicklungsperspektive. Die Welt wird besser und Kooperation und Integration nehmen zu.

Jenseits

Vielleicht habt ihr auch schon gedacht, dass sterben eigentlich gar nicht so schlimm ist, kehren wir doch nur dorthin zurück, woher wir vor unserer Geburt hergekommen sind. Als Teenager habe ich zumindest hin und wieder so gedacht. Etwas zugespitzter hat es D. Yahom formuliert: Es gibt zwei identische Zustände des Nichtseins - die Zeit vor unserer Geburt und die Zeit nach unserem Tod. Woher wir auch immer hergekommen sind, dahin werden wir auch wieder gehen.

Wenn man aber genauer darüber nachdenkt, stellt sich die Frage, ob nicht doch eine wichtige Differenz zwischen diesen beiden Zuständen des Nichtseins bestehen könnte? - Die Antwort: ein ganzes Leben ist diese Differenz. Und das kann vielleicht einen Unterschied ausmachen. Vielleicht gibt es ja auch Kräfte, die stärker sind als die Zeit - LIEBE! Und dies ist vielleicht auch die metaphysische Kraft, die uns in den Himmel trägt.

Aber im Hinblick auf die "Differenz" Leben, sollten wir vielleicht auch über die ethische Dimension nachdenken. Sind wir nicht verantwortlich für unser Leben, für das, was wir während unserem Leben (mit unserem Leben) gemacht haben? - Vielleicht wird es doch so etwas wie ein Jüngstes Gericht geben, oder es sind vielleicht karmische Kräfte am Werke?

Eine zweite Kritik an der These von den beiden gleichen Zuständen des Nichtseins: Es ist ein Unterschied zwischen dem Nichtsein von dem ich gekommen bin - von meiner Mutter und meinem Vater - und dem Nichtsein in das ich gehen werde - tote Materie.

Aber nocheinmal, wenn man genauer hinschaut, ergibt sich eine neue Sicht. Man sollte sich fragen, woher das Leben als Ganzes kommt? Der Ausgangspunkt für die Evolution war tote Materie. Deswegen ist die Perspektive wieder tote Materie zu werden, vielleicht gar nicht so schlimm! - Wichtig ist aber noch die Frage, woher die Seele kommen soll? Hierauf gibt es v.a zwei Antworten:
1. Gott gab mir meine [Menschen-]Seele bei meiner Geburt. (Nach dieser Sichtweise haben Tiere keine Seele.)
2. Die andere Sicht ist, dass Bewusstsein und Seele bereits in der toten Materie vorhanden waren. Woher sollte sonst auch später das Bewusstsein kommen, wenn es nicht bereits in der Materie (als sogenannte "Innenseite") enthalten gewesen wäre? Die Materie war also bereits beseelt, bevor die Evolution des Lebens startete. Das ist auch der Grund, warum ich glaube, dass die ganze Welt fühlend ist, auch Panpsychismus genannt. Und darum wird einmal alles Leben in den Himmel kommen oder Teil einer grösseren Überseele oder Alleinheit werden.

Nächster Perspektivenwechsel: Gott und der Himmel sind heute vielleicht noch nicht so stark, werden aber stärker. Während späteren Phasen der Evolution kann sich Gott/das Göttliche vielleicht stärker in dieser Welt realisieren. Das ist zumindest die Sichtweise von Teilhard de Chardin und Sri Aurobindo. Und diese beiden sind sogar so optimistisch, dass die ganze Welt (wieder) Gott werden wird.

Aus existenzialistischer Sicht, sieht das aber alles wieder ganz anders aus. Das Leben hat keinen Sinn, ausser den, den wir ihm selber geben. Leben hat keinen intrinsischen Wert. Ein Leben gelebt zu haben, macht keinen Unterschied aus, im Hinblick darauf, wo wir nach unserem Tode hinkommen werden.

Eine religiöse Moral ist auch nicht wirklich wichtig. Die moderne, humanistische Moral ist von Religion unabhängig und autonom. Aber ich habe den Bezug zur Religion erwähnt, weil es vielleicht einen tieferen Sinn hat, wieso wir moralische Wesen sind? Und unser Gewissen lässt es uns auch so spüren, als ob Moral einen wichtigen Einfluss hätte. - Anderseits lässt sich fragen, ob Moral nur das Produkt eines adaptiven evolutionären Prozesses ist und nicht mehr? Oder gibt es einen Unterschied zwischen dem Prozess der Genese (durch Evolution) und seiner Geltung? Die Ethik kann vielleicht doch Folgen bis ins Jenseits haben. Aber ich bin mir nicht sicher. Es ist für mich nur eine Möglichkeit. Aber warum beschäftigt dieses Problem so viele Menschen?

1000. Besuch auf meinem Blog!

Diese Tage fand der 1000. Besuch auf meinem Blog statt. Den Schreiber freut's, auch wenn es so nicht geplant war. Ich sehe meinen Blog als eine kleine Sammlung von positiven Gedanken. Ich habe gemerkt, dass es mir hilft Hoffnungsgedanken, -lieder, -videos, etc. aufzuschreiben, festzuhalten und später einmal wiederzulesen. Dabei habe ich mir aber gedacht, dass dies nicht einfach nur privat geschehen muss. Wenn andere Leute meine Gedanken auch interessieren, bereitet mir das natürlich Freude. Und mich selber bestätigt es darin, dass an meinen Ideen vielleicht doch etwas dran ist. Bei über 500 Besuchern, aus 28 Ländern, aus allen Kontinenten (ausser Australien) würde ich mich natürlich sehr freuen, wenn der Eine oder die Andere vielleicht auch einmal einen kleinen Kommentar hinterlassen würde. So würde das Ganze etwas interaktiver.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Achmed, der tote Terrorist


 
 
(mit deutschen Untertiteln)

Dienstag, 6. Oktober 2009

Spiritualität II

Zwei unitarische Einstellungen zum Beten:
- Alle spirituell erfüllenden Aktivitäten als Gebet sehen. Oder
- Die Kategorie Gebet vergessen, aber dennoch spirituell erfüllenden Aktivitäten weiter nachgehen.

Ich fühle, wie das Leben selbst ein Gebet ist.

Der Gruss der Buddhisten - "Namaste":
Die Göttlichkeit in mir erkennt die Göttlichkeit in Dir.

Beten als ein Lebensstil, in Anerkennung des Heiligen um mich herum, anstatt sich an ein unabhängiges Anderes zu richten.

Ich brauche organisierte Religion, um mit dem Nihilismus der Macht und dem allgegenwärtigen Kommerz klarzukommen.

Ich kann beten als unausgesprochener Sinn für innerliche Gemeinschaft mit der Welt, die ich sehe und mit der Welt. die ich nicht sehe, sehen.

Ich glaube nicht an einen Gott mit Ohren. Aber die Sprache, die ich gebrauche ... sprechen, hören, ... ist die einzige Sprache, die ich habe.

Spiritualität ist sich auf das Grosse Mysterium im Herzen des Lebens zu fokusieren.
Das Gebet oder die Meditation kann sich nach innen oder nach aussen richten. Das Objekt des Gebets kann personal oder kosmisch unpersönlich sein.

Gott als Puppenspieler?

Gott muss nicht wie wir sein, um unsere Gebete zu hören. Das Bewusstsein jedoch, dass wir uns an den Geist des Universums richten und nicht an einen grossen Vater, kann uns zu tieferen Gebeten führen. Wir beten nicht mehr, dass jemand Geliebtes wundersam geheilt wird. Vielmehr beten wir nun, dass alle betroffenen Personen sich für die Lehren des Lebens öffnen: Tod, Trauer, Trost. Trotzdem weiter zu beten, bedeutet emotionale und spirituelle Reife zu kultivieren.

Ein bisschen spirituelle Lektüre und ein kleiner, selbstgemachter Altar für den Eigengebrauch. Mach Deine eigene göttliche Kunst.

Ich versuche auf das Eine konzentriert zubleiben, dass alle beinhaltet und grösser ist als alle.

Sind spirituelle Menschen mehr "geerdet", haben sie eine grössere Perspektive und lieben sie mehr?

Wir setzen unser Wachstum fort und lernen die noblen, gesunden Symbole zu finden, die wir "heilig" nennen. Die Bilder und Erfahrungen beginnen zu sinken: die Geschichten, die Musik, die Körperlichkeit, die Verbindung mit dem, was immer "jenseits" liegt. Etwas Gutes und Festes beginnt von innen heraus Gestalt anzunehmen. Und wenn wir kurz pausieren, ist dieses innere Leben da, um uns zu unterstützen, zu halten, zu inspirieren und um uns Sinn zu geben.

Tief Atem holen und in Kontakt treten mit dem, was wirklich zählt - Liebe.

Spiritualtät ist immer ein Prozess. Niemand hat je volle spirituelle Reife erreicht!
Viele wünschen sich eine "Schritt-für-Schritt-Spiritualität", eine "spirituelle Einheitsgrösse". Ich denke dabei z.B. an Programme wie: "Integral Life Practice" (Ken Wilber) oder "Evolutionary Enlightenment" (Andrew Cohen). Dabei muss ich aber auch eingestehen, dass ich von Wilber und Cohen durchaus auch bedenkenswerte Impulse bekommen habe, wie z.B. den Namen für diesen Bolg. Aber bis heute hat die menschliche Geschichte nichts wirklich Umfassendes hervorgebracht. Weder "katholisch", noch "integral", noch sonst etwas überzeugen als "allumfassende" Spiritualität.

Dennoch: Spiritualität ist Umgang mit Dynamit! Dies weil das spirituelle Leben unserem Leben entweder Sinn gibt oder uns dazu verurteilt, dass unser Leben vergeblich ist.

Was denkst Du über Gott? - Ist es der Glaube, dass er der Geist ist, der in allem ist; die Energie oder Kreativität, welche die Dinge wachsen und sich verändern lässt?

Oder haben die Zyniker recht, dass es keine Wahrheit gibt, dass es keine Konstante gibt, welche Ordnung in die Grosse Gleichung bringt?

Oder lieben wir Menschen einfach ein gutes, grosses Mysterium ??!

Alle diese Quotes sind aus dem Oktober-Heft von 'Quest', dem Monatsmagazin für religiös Liberale von der Church of the Larger Fellowship.

***
Phill Collins - Dance into the Light

Vader Abraham & die Schlümpfe - Das Lied der Schlümpfe

Mittwoch, 30. September 2009

Gedichte gegen die Angst

...und eines Tages wachte ich auf, da sah ich die Hölle. Ich sah ihr ins Gesicht und sie lächelte mich an.
Schon mehrmals im Leben konnte ich den beißenden Gestank, der von ihr ausging riechen, doch
NIEMALS atmete ich so tief ein, dass ich dass Gefühl bekam, sie nimmt mir den Atem.
Bis zu jenem Tag....
Der Tag, an dem sich der Gestank in meinem Körper, meiner Seele und meinem Geist einnistete.
Er frisst mich auf, macht mein Leben zur Hölle, raubt mir den Atem.
Fast jeden Tag meldet er sich, zeigt mir, dass er noch da ist.

Hilflos, wie eine Marionette, bin ich ihm ausgeliefert, nicht immer, aber häufig.
Wo bin ich? Wo ist der Mensch, den ich einst kannte?
Jeder Tag der Kampf. Gegen diesen Wahnsinn.
Manchmal werde ich müde, weiter zu kämpfen, bekomme ich das Gefühl, die Last in meinem Körperer erdrückt mich.
Und dennoch werde ich weiterkämpfen.
Der Kampf ist noch nicht verloren und wird es auch nicht sein, solange ich kämpfe.
Irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich merke, dass ich gesiegt habe.

Der Mut sprach...

...und ist die Angst auch
noch so groß,
ich werde bei dir sein.
Behüte Deinen reinen Geist
wirst nie mehr einsam sein.

Der Mut zum Sein!

Hinweis: Die beiden Gedichte gegen die Angst habe ich von der "Angst-Auskunft".

Samstag, 26. September 2009

Gott als letzte Hoffnung

Was heisst "einen Gott haben", bzw. was ist "Gott"? Antwort: Ein "Gott" heisst etwas, von dem man alles Gute erhoffen und zu dem man in allen Nöten seine Zuflucht nehmen soll. "Einen Gott haben" heisst also nichts anderes, als ihm von Herzen vertrauen und glauben. Woran du nun, sage ich, dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott. "Einen Gott haben" heisst etwas haben, worauf das Herz gänzlich vertraut.
Martin Luther

Dazu gehört auch die Auffassung, dass der Glaube nicht menschliche Leistung ist, sondern Geschenk Gottes, also Gnade ist. Dies betonten schon die Reformatoren in der Nachfolge des Apostels Paulus.

Interessant auch Kierkegaard: Gott nötig haben ist nichts, dessen man sich schämen müsste, sondern es ist die Vollkommenheit.

Etwas Festes muss der Mensch haben, daran er zu Anker liege, etwas, das nicht von ihm abhängt, sondern davon er abhängt. Matthias Claudius. Paul Tillich hat dies auch den Grund des Seins genannt.

Sophie Scholl: Ja wir glauben auch an den Sieg des Stärkeren, aber der Stärkeren im Geiste!

Quelle: Friedrich Schorlemmer. 2008. Was Protestantisch ist - Grosse Texte aus 500 Jahren. Verlag Herder, Freiburg i.Br.

Für kritische Einwände vgl. z.B. Hugo Stamm "Wie finden wir Trost in Gott?".

Sonntag, 20. September 2009

Giving Up and Letting Go

Giving Up and Letting go
By Hank Dunn
From: Light in the Shadows

Giving up implies a struggle –
Letting go implies a partnership
Giving up dreads the future –
Letting go looks forward to the future
Giving up is a defeat –
Letting go is a victory
Giving up is unwillingly yielding control
To forces beyond myself –
Letting go is choosing to yield to forces beyond myself
Giving up believes that the God is to be feared –
Letting go trusts in God to care for me.

If one is not comfortable with the term God as used above, then please substitute whatever makes more sense – Jane came up with “the future” for the first mention of God, and “the essence of life” for God in the last line. What words would you put in place of God? - I would suggest: the Tao, since Tao is very much linked to flow and letting go.

Liberale Religion, liberale Theologie, liberales Christentum ...?

Was ist und wie ist das Verhältnis von liberaler Religion, liberaler Theologie und liberalem Christentum? - Grundsätzlich stehen die Worte "liberal" oder "frei" für einen undogmatischen Ansatz. Liberale Religion steht dabei für ein umfassendes, pluralistisches Verständniss von Religion(en). Das Verhältniss zwischen zwei Religionen kann entweder exklusiv sein. Z.B. "kein Heil ausserhalb der Kirche", wie es vor dem 2. Vatikanischen Konzil für den Katholizismus gegolten hat. Oder es kann inklusiv sein. Auch in den anderen Religionen erscheint Göttliches und Wahres (Reformiert, Katholizismus nach dem 2. Vatikanum). Meine Position ist nun aber die pluralistische. Ich möchte keine bestimmte Religion bevorzugen und zum Massstab für die anderen Religionen machen. Auch nicht ein Christentum in seiner liberalen Version. Liberale Theologie ist ein Synonym für liberales Christentum und freien Protestantismus. Wie der Begriff Theologie klarmacht, steht Gott, griechisch theos im Mittelpunkt. Andere Sichtweisen, die ich aber auch sehr schätze, sind z.B. der Pantheismus - Alleinheit - v.a. im Hinduismus und heutzutage in der Integralen Bewegung anzutreffen. Weiter möchte ich auch offen sein für atheistische Positionen (kein Gott), wie er auch in bestimmten Richtungen des Buddhismus vorkommt. Und wie er im modernen, aufgeklärten Humanismus eine starke moralische Kraft ist. Schliesslich versuche ich mich in den Taoismus einzulesen. Ein Weg, der Gegensätze vereint und in Fluss bringt. Und welche Religion schafft es, all diese Facetten zu integrieren? - Für mich ist es die liberale, pluralistische Religion von Unitarian Universalism!

Liberale Theologie und das Reich Gottes

1. Liberale Theologie

"Liberale Theologie bedeutet, den Glauben an das Evangelium, dass Gott Liebe, Vergebung und Grund der Freiheit ist, als den Anfang eines durch diese Werte bestimmtes Verständnisses menschlicher Existenz zu erkennen. In der Tradition liberaler Theologie führt vom Glauben an das Evangelium kein direkter Weg zu gegenständlichen Aussagen über Gott und sein Offenbarungshandeln. Glauben ist überhaupt kein Wissen, weder über Gott noch über sein Handeln in der Welt, sondern ein Vertrauen, das zur Kraftquelle in der Bewältigung des Lebens wird. Mit dem Gott des Evangeliums lässt sich nicht die Welt erklären, sehr wohl aber eine fundierende Daseinsgewissheit und zielbewusste Lebensorientierung gewinnen. Dieses liberaltheologische Credo befreit die Theologie von den unversöhnlichen Konflikten mit der Wissenschaft.
Liberale Frömmigkeit kann heute in einer Spiritualität lebenspraktisch werden, die ein inhaltlich eher unbestimmtes Transzendenzbewusstsein ausbildet, sich aber weithin doch im Tradierungszusammenhang des freilich undogmatisch verstandenen Christentums bewegt. Entscheidend für liberale Frömmigkeit ist, dass der Glaubensausdruck frei gelassen wird und variabel bleibt, dass er sich nicht nach biblischen, dogmatischen, kirchlichen oder lehrmässigen Bestimmungen richten muss, sondern klar der persönlichen Gewissheit, der Erfahrung und dem Engagement der Glaubenden nachgeordnet bleibt. In Fragen des Glaubens muss man die eigene Einsicht nirgends unterdrücken, denn Gott selbst ist Inbegriff und Quelle der Wahrheit. Spiritualität ist eine Sinneinstellung, eine Offenheit für die Präsenz des Göttlichen, die als Lebensbereicherung erfahren wird.
Liberale Theologie ermutigt den Glauben jedoch dazu, zu seinen Zweifeln zu stehen. Die Zweifel gehören zum Glauben, eben weil dieser kein Wissen ist und nicht zu einem Wissen werden kann. Aber um für Sinnzusammenhänge kommunizierbare Vorstellungen und Sprache zu gewinnen, brauchen wir die Parabeln, die Beispiel- und Gleichnisgeschichten der Bibel, die Metaphern und Symbole, die die Überlieferungen des Christentums geschaffen haben. Auch sie aber gehören auf die Seite des Glaubensausdrucks, nicht des Glaubensgrundes. Dieser wird in der persönlichen Transzendenzbeziehung oder auch, konkreter, in der persönlichen Beziehung zu Jesus und dem Gott in ihm gefunden."


2. Das Reich Gottes

Am Ende der Bibel wird das kommende Reich Gottes (nach dem "Jüngsten Gericht") versprochen. Wenn Gott eine neue Erde und einen neuen Himmel geschaffen hat, wird er im himmlischen Jerusalem wieder unter den Menschen leben.
"Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron sass, sprach: Seht, ich mache alles neu." (Offb. 21,3-5).
Aber auch eine evolutionäre Sichtweise ist möglich. Gott ist nicht von Anfang an fertig und vollkommen, sondern muss sich auch noch entwickeln, wachsen und werden (Kurt Leese). Wenn die Zeit für das "Reich Gottes" gekommen ist, haben sich Gott und/oder die Menschheit vollentwickelt und die biblische Verkündigung kann in Erfüllung gehen.
Anders sieht es Paul Tillich: "Die universale Grundlage der Religion ist die Erfahrung des Heiligen innerhalb des Endlichen. Das Unbedingt wird im Bedingten manifest, aber das Bedingte kann Gott als Unbedingten nicht offenbaren, ohne ihn zu verzerren. Diese Dialektik ist nach Tillich der Motor der Religionsgeschichte." Leese weist aber darauf hin, dass nicht ein dogmatisierter Christus (Kreuzestheologie), sondern die durch Jesus verkündete und gelebte Liebe als normativer Massstab für die Religionsgeschichte gilt. Diese christliche Humanität wird dabei am besten überkonfessionell und interkulturell geöffnet. Zu hoffen ist auch, dass es nicht dabei bleibt, dass nur der Protestantismus den Mut aufgebracht hat, die eigenen Glaubensquellen und Voraussetzungen kritisch zu untersuchen, koste es was es wolle. Wobei dies aber nur für die fortschrittliche, liberale Strömung im Protestantismus gilt. Daneben gab und gibt es immer auch die konservative, bibelgläubige Mehrheit. Zu hoffen beibt aber, dass jede tiefe Religiosität denkend wird und jedes wahrhaft tiefe Denken religiös (Albert Schweitzer). Dieser liberale Flügel des Protestantismus ist nicht nur durch die Reformation, sondern auch durch die Aufklärung bestimmt. Glaube und Vernunft gehen zusammen. Aber wie Schweitzer feinsinnig analysiert, ist der freie Protestantismus in der Minderheit. Er setzt nämlich selbständiges denken voraus. Und dies ist nicht mit Sicherheitsbedürfnissen einerseits und geistiger Bequemlichkeit anderseits zu vereinbaren. Für einen wahrhaft suchenden Menschen gehören Glaubenszweifel als Durchgang zu tieferer Wahrheitserkenntnis dazu. Was viele Menschen zu überfordern scheint!
Das "Reich Gottes" gilt es auch schon jetzt von uns auf unserer Erde zu verwirklichen, als Reich der Liebe und der Gerechtigkeit. Schweitzer gibt dabei aber auch zu denken:
"Auch für den neuzeitlich Glaubenden bedeutet das Werden des Reiches Gottes auf Erden nicht alles. Auch er schaut von dieser Welt und von der Zeitlichkeit auf die Ewigkeit aus und auf das, was nach dem Tode sein wird. Er weiss aber, dass wir dies Gott anheimgestellt lassen müssen und dass wir in diesem Dasein nach der Seligkeit trachten müssen, dass es in uns und in der Welt Reich Gottes werde, aus der uns Gott, wenn wir uns in ihr bewährt haben, zur zukünftigen eingehen lässt. Das Erwarten des Reiches muss für uns zum Wollen des Verwirklichens desselben in dieser Welt werden. Gerade dadurch werden wir Christen im ursprünglichen Sinn. Die Erlösung besteht darin, dass Reich Gottes in uns sei und Reich Gottes in der Welt wirke." Die Kraft zur Ethik ist die Dankbarkeit für das Beschenktsein durch Gott. Gott als der Wille der Liebe, als sich schenkende und zugleich uns fordernde Liebe.

Quelle: Werner Zager (Hrsg.). 2009. "Liberales Christentum - Perspektiven für das 21. Jahrhundert", Neukirchener Verlag.


***

An meine lieben Leser: Solltet Ihr ältere Posts (noch)einmal anschauen wollen, dann auf den Monatsnamen klicken und nicht auf das Pfeilicon davor. Sonst wird bei älteren Monatsverzeichnissen manchmal nur ein nicht enden wollender "loading"-Prozess angezeigt.

Sonntag, 13. September 2009

Absurd, grotesk, anarchisch komisch!

Das beste Mittel gegen trübe Gedanken ist etwas zum Lachen!
Im Folgenden je eine Folge meiner beiden Lieblingscomedies:

Keeping up appearances (Mehr Schein als Sein, dt. Titel)
(Am Ende jedes Teils kurz warten, dann geht es auch schon weiter.)

Nonstop Nonsens
(Am Ende jedes Teils, den nächsten Teil wählen.)

Freitag, 11. September 2009

Eine Vision für Europa - Die Brüssler Erklärung

V.a humanistische Organisationen haben anlässlich des 50. Jubiläums der EU 2007 eine neue Vision für Europa entwickelt. Eine Vision eines gerechteren und toleranteren Europas, die mich überzeugt.

As the 50th anniversary of the creation of the European Union approaches, the principles and values on which modern Europe was founded are once again under threat. Recent events have thrown into sharp focus the divisions that exist between those who share our liberal, humanitarian values and those who seek to create a more authoritarian society, or would use our culture of tolerance to promote intolerance and undermine democracy.
Unless we stand firm and defend our values now, fundamentalism and authoritarianism will once again ride roughshod over our rights.
We offer this Vision for Europe to the people of Europe as a restatement of our common values, the liberal values of individual freedom, democracy and the rule of law on which modern European civilisation is based. They are not the values of a single culture or tradition but are our shared values, the values that enable Europeans of all backgrounds, cultures and traditions to live together in peace and harmony.
The centrepiece of the Vision for Europe is the Brussels Decleration, a short summary of our common values.


Die Brüssler Erklärung

Wir, die Menschen Europas, bekräftigen hiermit unsere gemeinsamen Werte. Sie beruhen nicht auf einer einzigen Kultur oder Tradition, sondern gründen sich in allen Kulturen, die das moderne Europa ausmachen.
Wir bekräftigen den Wert, die Würde und die Autonomie jedes Individuums und das Recht eines jeden auf die größtmögliche Freiheit, die sich mit den Rechten anderer vereinbart. Wir unterstützen Demokratie und Menschenrechte sowie die Rechtsstaatlichkeit und streben die bestmögliche Entwicklung eines jeden Menschen an.
Wir erkennen unsere Fürsorgepflicht für die ganze Menschheit einschließlich künftiger Generationen und unsere Abhängigkeit von und Verantwortung für die natürliche Welt an.
Wir bekräftigen die Gleichheit von Männern und Frauen. Alle Personen, unabhängig von Rasse, Herkunft, Religion oder Glaube, Sprache, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Können, müssen vor dem Gesetz gleich behandelt werden.
Wir bekräftigen das Recht eines jeden, eine Religion oder einen Glauben eigener Wahl anzunehmen und zu befolgen. Aber der Glaube irgendeiner Gruppe darf nicht zur Einschränkung von Rechten anderer führen.
Wir halten daran fest, dass der Staat neutral bleiben muss in Angelegenheiten von Religion und Glaube, und niemanden bevorzugen oder benachteiligen darf.
Wir halten daran fest, dass persönliche Freiheit mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden sein muss. Wir streben danach, eine gerechte Gesellschaft zu bilden, die auf Vernunft und Mitgefühl aufbaut, in der jeder Bürger in die Lage versetzt wird, sich voll einzubringen.
Wir halten fest an Toleranz und Meinungsfreiheit.
Wir bekräftigen das Recht eines jeden auf eine offene und umfassende Bildung.
Wir lehnen Einschüchterung, Gewalt und Anstiftung zu Gewalt zur Förderung von Streitigkeiten ab und halten daran fest, dass Konflikte durch Verhandlungen und legale Methoden gelöst werden müssen.
Wir halten fest an der Freiheit der Forschung in jeder Sphäre menschlichen Lebens und an der Anwendung der Wissenschaften im Dienst menschlichen Wohlergehens. Wir streben danach, Wissenschaft kreativ, nicht destruktiv zu nutzen.
Wir halten fest an der Freiheit der Kunst, achten künstlerische Kreativität und Imagination und anerkennen die verändernde Kraft der Kunst. Wir bekräftigen die Bedeutung von Literatur, Musik, und der visuellen und gestaltenden Künste für die persönliche Entwicklung und Erfüllung.
So verabschiedet am 25. März 2007, als dem 50. Jubiläum des Rom-Vertrages und der Gründung der Europäischen Union.
Click here to sign the Brussels Declaration

Auf der folgenden Webseite wird in mehr Details die Vision eines sekularen Europas besprochen:
A Secular Vision for Europe.

Donnerstag, 10. September 2009

Entmythologisierung und die Stärke des Christentums

Heute kann wohl kein wissenschaftlich gebildeter Mensch noch unkritisch an das mythische Weltbild der Bibel glauben. Der Anfang der Bibel - der Genesismythos - hat sich als falsch herausgestellt. Das Leben ist im Laufe des Evolutionsprozesses entstanden und nicht in sechs Tagen von Gott geschaffen worden. So wissen wir seit Darwin. Und auch das Ende der Bibel - die Offenbarung des Johannes - ist problematisch. Eine Sprache, die sich Bilder, wie Posaunen, Sigeln, Lämmern und apokalyptischen Reitern bedient, entstammt wohl eher einer Phantasiewelt von Menschen von vor 2000 Jahren, als dass es kommendes Geschehen beschreiben würde. Wenn also weder Anfang noch Ende der Bibel wörtlich zu verstehen sind, warum sollte dann das Mittelstück - die Evangelien über das Leben Jesus - mehr sein, als ein weiterer Mythos, wenn auch ein inspirierender? Die Parallelen mit ägyptischer Mythologie sind eine Tatsache. Wenn auch Christus als Gott der Liebe das Gegenstück zu pharaonischem Machtglanz ist.
Ist es mit Jesus vielleicht also doch etwas anderes als mit dem Rest der Bibel? - Muss ein ausserordentlicher Mensch, ein charismatischer Prophet wirklich gelebt haben? Wie sonst soll sich der ausserordentliche Erfolg des Christentums erklären? Und sind im Falle Jesus nicht die Gesetze der Naturwissenschaft ungültig, so dass er wirklich mit übersinnlichen Kräften heilen und Wunder vollbringen konnte?
Ich bin davon überzeugt, dass die Naturgesetze seit der Entstehung der Welt unverrückbar gelten, und es entsprechend nie irgendwelche Wunder gab! Diese sind wohl eher dem Wunschdenken der Menschen entsprungen. Kein Gott ist Mensch geworden und kein Mensch ist lebendigen Leibes von den Toten auferstanden.
Ist damit nun das ganze Christentum hinfällig geworden? - Nein. Ich glaube vielmehr, dass jetzt erst - befreit von unglaubwürdigen und überkommenen Mythen - der Kern des christlichen Glaubens zu scheinen beginnt! Denn entscheidend ist nicht die Person Jesus, sondern seine Botschaft. Das Christentum ist v.a. eine Religion des Friedens und der Liebe! Und eine solche Religion kann sich im historischen Evolutionsprozess auch in Konkurrenz zu anderen Religionen halten. Denn friedlichere Gesellschaften sind nun mal etwas erstrebenswertes. Der Mensch lebt lieber in friedlichen und liebevollen Beziehungen, als in kriegerischen und gewaltätigen Verhältnissen. Und Friede und Liebe zahlen sich auch ökonomisch aus. Wenn die Menschen freiwillig bereit sind miteinander zu kooperieren und einander Gutes wünschen, prosperiert auch die Wirtschaft. Kurz das Christentum darf sich wohl zu Recht als entscheidende zivilisatorische Macht bezeichnen und als entscheidend mitverantwortlich für die Entstehung der modernen, abendländischen Welt.
Bleibt noch die Frage offen, warum wir weiterhin an einen Gott glauben sollten, wenn er nie Mensch geworden ist, und die Bibel nicht das Wort Gottes ist? - Ich glaube, es ist wohl die Sehnsucht in unserem Herzen, die uns an Gott glauben lässt. Gott hat uns darum den Glauben geschenkt! Gottvertrauen kann so zu einem Grund für Hoffnung und Zuversicht werden.

"Denn auf dich hin hast du uns geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir!" Augustinus, 'Bekenntnisse'

"Das Wesentliche des Christentums, wie es von Jesus verkündet ist und wie es vom Denken begriffen wird, ist dies, dass wir durch die Liebe allein in Gemeinschaft mit Gott gelangen können. Alle lebendige Erkenntnis Gottes geht darauf zurück, dass wir ihn als Willen der Liebe in unseren Herzen erleben." Albert Schweitzer